Die grundlegende moralische Technologie des „Goldenen Mittelwegs“: Unterschied zwischen den Versionen
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''Text vom 11.11.2016'' | [[Datei:Menschheitsrepräsentant Skulpturgruppe.jpg|mini|Christus als Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und Ahriman – Holzskulptur von Rudolf Steiner und Edith Maryon]] | ||
''Text vom 11.11.2016.'' | |||
'' | ''Herausgegeber: Tatiana Tsykra (tetyana.tsykra@gmail.com)'' | ||
= Die grundlegende moralische Technologie des „Goldenen | ''Redaktion vom'' ''19.07.2026'' | ||
= Die grundlegende moralische Technologie des „Goldenen Mitte“ = | |||
'''''R. Steiner, GA 194, 1. Vortrag, 21. November, 1919:''''' | '''''R. Steiner, GA 194, 1. Vortrag, 21. November, 1919:''''' | ||
''«Es ist dieses menschliche Leben wie ein Waagebalken. Hier das Hypomochlion, da eine Waagschale, das Luziferische, das aber in Wirklichkeit hinaufzieht. Auf der anderen Seite das Ahrimanische, das in Wirklichkeit hinunterzieht. '''Den Waagebalken im Gleichgewicht zu erhalten, das ist das Wesen des Menschen.''' [...] Wir haben es zu tun im Weltendasein mit dem Luziferischen, das die eine Waagschale, dem Ahrimanischen, das die andere Waagschale darstellt, und dem Gleichgewichtszustande, der uns darstellt '''den Christus-Impul'''s.»'' | ''«Es ist dieses menschliche Leben wie ein Waagebalken. Hier das Hypomochlion, da eine Waagschale, das Luziferische, das aber in Wirklichkeit hinaufzieht. Auf der anderen Seite das Ahrimanische, das in Wirklichkeit hinunterzieht. '''Den Waagebalken im Gleichgewicht zu erhalten, das ist das Wesen des Menschen.''' [...] Wir haben es zu tun im Weltendasein mit dem Luziferischen, das die eine Waagschale, dem Ahrimanischen, das die andere Waagschale darstellt, und dem Gleichgewichtszustande, der uns darstellt '''den Christus-Impul'''s.»'' | ||
Bei Luzifer und Ahriman ist nicht alles | == Einleitung == | ||
Bei Luzifer und Ahriman ist nicht alles verderblich, es gibt auch seine rechten Wege.en würde. Genauer gesagt traten sie ursprünglich als unverzichtbare Elemente des gesamten Evolutionsprozesses auf, die es ohne Luzifer und Ahriman nicht geben würde. | |||
Durch Ahriman wurde es grundsätzlich möglich, den | Durch Ahriman wurde es grundsätzlich möglich, den reinen Geist zu verdichten und Materie zu erschaffen. Und nur dank der Entstehung der materiellen Welt wurde innerhalb des gesamten geistigen Kosmos die Enklave geschaffen, die einzig den Raum für Freiheit ermöglicht. | ||
So geht es gar nicht Mal darum, aus Ahriman irgendwie einen Nutzen zu gewinnen (nach dem Motto: „von einem schlechten Schaf wenigstens ein Büschel Wolle“). Die Dinge liegen weitaus tiefer. Ahriman ist jene Weltkraft, die am '''Aufbau des Kosmos''' ebenso teilnimmt wie Luzifer. Doch ist der Grad ihrer Beteiligung in den verschiedenen Entwicklungsstufen unterschiedlich. | |||
Stellen wir uns vor, Ahriman sei der große Architekt, der das geschaffen hat, was die irdische materielle Welt darstellt – die Matrix. Er ist ''der Große Architekt der Matrix''. | Stellen wir uns vor, Ahriman sei der große Architekt, der das geschaffen hat, was die irdische materielle Welt darstellt – die Matrix. Er ist ''der Große Architekt der Matrix''. | ||
Man kann sagen, dass er in gewissem Sinne ihr '''Schöpfer''' ist (eben in einem gewissen Sinne, denn Ahriman trägt dennoch nicht den ursprünglichen schöpferischen Impuls in sich, da er selbst von einem höheren göttlichen Ursprung erschaffen wurde). '''Doch innerhalb bestimmter Grenzen, unter bestimmten Voraussetzungen''', kann Ahriman als Schöpfer dieser Matrix verstanden werden. | |||
Und | Und natürlich erscheinen ihm die Seelen, die in das Reich Ahrimans gelangen, nahezu als sein Eigentum. Es scheint ihm gerade so, als könne er selbst besser über diese Seelen verfügen, dass er ihnen mehr zu bieten hat, dass sein Reich das bessere sei. | ||
Aber auch das hat die geistige Welt wiederum '''zugelassen'''. Genauer gesagt hat sie es zunächst nicht nur zugelassen, sondern '''Ahriman beauftragt zur Errichtung dieser Matrix''' – in der ersten großen Phase. In der zweiten Phase hat die geistige Welt ihn nicht mehr beauftragt (hier kann man nicht mehr von einem unmittelbaren Auftrag sprechen), sondern in gewissem Maße '''zugelassen, dass Ahriman als Versucher und als möglicher Fänger menschlicher Seelen auftritt.''' | |||
Denn Seelen können Freiheit nur dann | Denn die Seelen können Freiheit nur dann erringen, wenn sie zum einen ihre Entwicklung durchlaufen, und auch ihre Versuchung überwinden. Für das eine wie das andere ist Ahriman notwendig. | ||
Im ersten Fall tritt Ahriman als eine hemmende Kraft auf. Wie wir | Im ersten Fall tritt Ahriman als eine '''hemmende Kraft''' auf. Wie wir wissen, kann der Entwicklungsweg gegangen werden, indem man Hindernisse überwindet. Befände man sich hingegen in seligen, komfortablen Bedingungen, wenn man – wie es im Kindergedicht von Sergej Michalkow „Über die Mimose“ heißt:<blockquote>''Wer liegt denn hier im Bett'' | ||
'' | ''Tief unter dicken Wattedecken?'' | ||
''Außer Kuchen | ''Außer Törtchen und Kuchen'' | ||
'' | ''Mag er gar nichts essen?''</blockquote>Wenn die Menschheit so im Bett läge (und in gewissem Sinne lag sie auch so bis zum Sündenfall), wäre selbstverständlich keine Entwicklung möglich. | ||
Deshalb | Deshalb brauchte es zunächst den Geist, der an die Menschheit herantrat, um sie aus dem Bett zu reißen. Und anstelle der Kuchen und Törtchen war die Menschheit nun genötigt sich zu bemühen, um wenigstens ein Stück Brot zu erhaschen. | ||
Anschließend tritt dann jener Geist auf, der versucht, die Menschheit zu fesseln und ihr jene '''verlorenen Güter''' zu geben, die sie einst hatte, als sie sich im geistigen Zustand befand – jedoch nun in materieller Gestalt. | |||
So sind Luzifer und Ahriman | So sind Luzifer und Ahriman Geister, die einander entgegengesetzt sind, die in verschiedene Richtungen wirken. Doch die Beteiligung jedes Einzelnen ist für die Evolution der Menschheit '''unabdingbar''', in dessen verschiedenen Stadien jeder seine besondere Mission erfüllt. | ||
Jetzt, da die Menschheit in die entscheidende Phase der Entstehung der zehnten Hierarchie und der Erlangung der Freiheit eintritt, besteht die Aufgabe Luzifers und Ahrimans darin, als Versucher und als hemmende Kräfte aufzutreten, gegenüber denen der Mensch die | Jetzt, da die Menschheit in die entscheidende Phase der Entstehung der zehnten Hierarchie und der Erlangung der Freiheit eintritt, besteht die Aufgabe Luzifers und Ahrimans darin, als Versucher und als hemmende Kräfte aufzutreten, gegenüber denen der Mensch die Versuchungen bestehen muss. Denn Freiheit kann der Mensch, der nicht versucht wurde, nicht erreichen. Im Grunde genommen '''existiert er noch gar nicht.''' | ||
Denn ein unentwickelter Mensch kann kein freier Mensch sein – ein Mensch, der keine Hindernisse überwunden hat, um seine Kräfte zu entfalten. Dessen Kräfte sich also noch im Keimzustand befinden und nicht zu Kräften eines entwickelten Wesens geworden sind. | |||
Das ist das Erste, was man im Verhältnis zu Luzifer und Ahriman verstehen muss. | Das ist das Erste, was man im Verhältnis zu Luzifer und Ahriman verstehen muss. | ||
Wir müssen uns aber auch bewusst sein, dass '''nicht die Rede sein kann von einem kraftvollen Widerstand von Seiten der Widersacher'''. Ein kraftvoller Widerstand endet für den Menschen immer kläglich, denn es handelt sich um hierarchische Wesen. Sie sind dem Menschen so überlegen, wie ein erwachsener Mensch einem Säugling überlegen ist. Der Mensch ist ihnen gegenüber etwa so schutzlos wie die Kinder vor König Herodes waren, als er befahl, sie zu töten. | |||
Deshalb | Deshalb kann es sich nicht um einen kraftvollen Widerstand handeln. Es geht um einen ausgesprochen ''feinen, technisch geführten Konflikt'' zwischen ihnen selbst. | ||
'''G''eführt''er Konflikt''' gehört zu den anspruchsvollsten Disziplinen des Managements. Hier zeigen sich auch seine geistigen Grundlagen. Denn Ahriman und Luzifer stehen selbst in Gegenphase: der eine führt zur Materialisierung, der andere zur Dematerialisierung. Wenn sie sich aber „zusammenfinden“, dann werden sie tatsächlich zu Toren für das endgültige, unheilbare Böse, welches das menschliche Ich auffrisst – das Azurisch-Böse. | |||
Daher besteht die Frage darin, wie man durch den geführten Konflikt zwischen ihnen aus der Mitte heraus wirken kann. | Daher besteht die Frage darin, wie man durch den geführten Konflikt zwischen ihnen '''aus der Mitte heraus wirken kann.''' | ||
Hierbei ist das Bildnis des ''Menschheitsrepräsentanten'' von großer Bedeutung. Rudolf Steiner betont, dass der Menschheitsrepräsentant Luzifer und Ahriman nicht durch Kraft besiegt – weder durch seine eigene Kraft noch durch die Kraft seiner göttlichen Größe. Er besiegt sie durch seine Stellung – die Stellung der Mitte. Die meisterhaft eingenommene Stellung der Mitte lähmt und löscht Luzifer und Ahriman gegenseitig aus. | |||
Eine hohe Meisterschaft und Technik ist es – ''die grundlegende moralische Technik'', die der Menschheitsrepräsentant jedem Menschen vermitteln möchte. | |||
Und im Rahmen dieses Themas könnte man sagen, dass es sich nicht einfach um ein hohes Ideal dessen handelt, was der Repräsentant der Menschheit im Kosmos vollbringt. Es ist gerade dasjenige, was jedem Menschen übergeben werden soll, und deshalb muss es ersonnen und ins Bewusstsein gebracht werden. Und diese hohe Technik als Ideal, als das höchste göttliche Ideal, muss vom Menschen bereits ersonnen werden als Methode, als ''moralische Methode''. | |||
So wird die moralische Technik, | So wird '''die moralische Technik''', durch die Besinnung, zur '''moralischen Methode.''' | ||
Und dann, wenn eine ausreichende Anzahl von Menschen beginnt, diese Methode zu kultivieren, die zunächst für die Menschheit als | Und dann, wenn eine ausreichende Anzahl von Menschen beginnt, diese Methode zu kultivieren, die zunächst für die Menschheit als '''Kultus''' auftritt, dann wird auf der Erde ein moralischer Raum entstehen, in dem dieser Kult zur Normalität wird. Es wird nicht mehr etwas Außergewöhnliches, Außerordentliches sein, sondern es wird zu einem normalen sozialen Phänomen, das sich aus sich selber erneuert. | ||
Dann werden immer mehr Menschen diesen | Dann werden immer mehr Menschen diesen Kultus ergreifen können, und im Laufe der nächsten 2500 Jahre werden immer mehr Menschen ''das Christus‑Ereignis im Ätherischen'' erleben, wie wir aus der Geisteswissenschaft erfahren. | ||
Und dann wird dies nicht mehr nur ein | Und dann wird dies nicht mehr nur ein einzeln kultivierter Kultus sein, sondern eine allgemeinmenschliche Kultur. Das, was anfangs die Technik des Menschheitsrepräsentanten und die Methode für einzelne seiner Schüler war, wird zu einer Technologie, das heißt zu einer sich selbst reproduzierenden Methode, die ihren raschen Weg von Mensch zu Mensch antreten wird. | ||
Das wird die grundlegende moralische Technologie sein — | Das wird '''die grundlegende moralische Technologie''' sein — womit jeder Mensch Luzifer und Ahriman ausgleichen kann, in seinem persönlichen Leben und in seinem unmittelbaren sozialen Umfeld. | ||
Das ist die unmittelbare Bestimmung jedes Menschen — | Das ist die unmittelbare Bestimmung jedes Menschen — nicht etwa irgendwelche sozialen Revolutionen oder Protestaktionen zu veranstalten, nicht den äußeren Kampf zu führen, sondern mittels einer solchen, man könnte sagen, sozialen Kunst (denn darin liegt ihr wahrer Sinn) — '''niemals zwischen Hammer und Amboss zu geraten.''' | ||
Das heißt: | Das heißt: in allen Situationen, in allen Nöten und Unglücken, in die der Mensch gerät, gibt es zwei Seiten. Das ist nicht bei weitem nicht immer offensichtlich. Doch kann man bei einem tieferen Blick immer zwei gegeneinander wirkende Kräfte erkennen. Immer tritt etwas als Hammer auf — dasjenige, was den Menschen unmittelbar angreift, und etwas tritt als Amboss auf. Ein Mensch, der versucht, äußerlich gegen etwas anzukämpfen, wird unvermeidlich zwischen Hammer und Amboss geraten und seine Niederlage erleiden. | ||
So unglaublich es | So unglaublich es zunächst erscheinen mag, aber in jeder, selbst der furchtbarsten, gefährlichsten Situation gibt es immer eine solche Position der Mitte, wo wenn Hammer und Amboss gegeneinander schlagen, der Mensch seine Finger — oder seinen Kopf — rechtzeitig von dort wegzieht. Und dann geschieht nahezu ohne jeglichen Kampf oder Verluste, ein Ausgleich und Auflösung der Problemsituationen. | ||
Das ist die Aufgabe des Menschen unserer industriellen Zeit — sich nicht einfach irgendwie aus immerzu komplizierten Situationen herauszuwinden. Denn wenn der Mensch sich nur herauswinden will, wird er sich aus einigen Situationen befreien können, sich in anderen jedoch umso tiefer verstricken. Wenn er versucht, dem Drachen seinen Kopf abzuschlagen, werden zwei Köpfe nachwachsen. So '''darf man auf keinen Fall dem Bösen mit Gewalt widerstehen, einem Bösen mit einem anderen Bösen entgegentreten.''' Das wäre der große Fehler, denn Luzifer und Ahriman warten nur darauf — dass der Mensch sich auf die Seite von einem von ihnen stellt. | |||
Gerade deshalb ist der gesamte politische Kampf, der sich auf staatlich‑rechtlicher Ebene entfaltet, wo völlig künstlich eine Vielzahl politischer Parteien geschaffen wird, ein Aufruf an den Menschen, aktiv zu wählen, wobei vor allem die Illusion der Freiheit erzeugt wird. | Gerade deshalb ist der gesamte politische Kampf, der sich auf staatlich‑rechtlicher Ebene entfaltet, wo völlig künstlich eine Vielzahl politischer Parteien geschaffen wird, ein Aufruf an den Menschen, aktiv zu wählen, wobei vor allem '''die Illusion der Freiheit''' erzeugt wird. | ||
So scheint es uns, dass wir in einem freien Land leben. Einst existierte eine einzige kommunistische Partei. Der Mensch hatte keine Wahl, und offen gegen die Partei auftreten konnte und durfte er nicht. | |||
Und jetzt ist eine solche Illusion der Freiheit geschaffen, bei der man eine Partei lieben und eine andere hassen kann — und das | Und jetzt ist eine solche Illusion der Freiheit geschaffen, bei der man die eine Partei lieben und eine andere hassen kann — und das wird als normal angesehen. | ||
Doch genau darauf warten Luzifer und Ahriman: dass der Mensch etwas aus der äußeren Welt annimmt und gegen etwas anderes auftritt, ohne zu verstehen, dass dies zwei Hände | Doch genau darauf warten Luzifer und Ahriman: dass der Mensch etwas aus der äußeren Welt annimmt und gegen etwas anderes auftritt, ohne zu verstehen, dass dies zwei Hände desselben Puppenspielers sind. Zwei Tentakel einer Hydra. Zwei Köpfe eines Drachen. | ||
Daher kann | Daher kann der Mensch nur aus der Stellung seiner Mitte, durch '''die Kraft''' '''ihrer''' immer tiefer und tiefer erfassen, was die Bedeutung ist dieser Stellung der Mitte, und erfassen, dass sie selbst die größte Kraft im Universum ist. Nicht irgendeine Allmacht ist es, denn Gott hat auf Allmacht verzichtet. | ||
Man kann es in Form | Man kann es in Form eines solchen Gleichnisses ausdrücken. Der Herrgott verzichtete auf zwei seiner grundlegenden Eigenschaften: auf Allmacht und Allwissenheit. Die Allmacht schenkte Er Ahriman, und das Allwissen Luzifer — damit tatsächlich Ahriman allmächtig und Luzifer allwissend werde. Und es fragt sich: Wie kann denn die nichtige Menschheit einem Allmächtigen und einem Allwissenden entgegentreten? Sie würden ihn doch einfach zu Staub zermahlen, wenn er zwischen Hammer und Amboss geriete! | ||
Doch bewahrte der Herrgott für sich jene heilige goldene Mitte, in der die zwei Widersacher, die die einstmaligen göttlichen Vorzüge besitzen, absolute Vorzüge, dennoch an diesem Punkt einander annullieren und vollständig gegenseitig auslöschen. | |||
Offenbar ist dies die Grundlage aller moralischen Technologien überhaupt, denn ihrem Ursprung und ihrem Sinn nach ist die moralische Technologie, die genetisch aus der moralischen Technik hervorgeht, die Möglichkeit eines solchen Weltschaffens in der empfangenen moralischen Phantasie, bei dem die ursprüngliche göttliche Schöpfung der Welt nicht zerstört wird. | Offenbar ist dies die Grundlage aller moralischen Technologien überhaupt, denn ihrem Ursprung und ihrem Sinn nach ist die moralische Technologie, die genetisch aus der moralischen Technik hervorgeht, die Möglichkeit eines solchen Weltschaffens in der empfangenen moralischen Phantasie, bei dem die ursprüngliche göttliche Schöpfung der Welt nicht zerstört wird. | ||
Wie kann man die Welt zum Besseren wenden — im Sinne der höheren Ziele der Götter | '''Wie kann man die Welt zum Besseren wenden — im Sinne der höheren Ziele der Götter und im Sinne ihres göttlichen Planes?''' Genau darin besteht der Schlüssel der moralische Technik. Und indem sie zur Errungenschaft einer bedeutenden Anzahl von Menschen wird, und sich aus sich selbst weiter hervorbringt, wird zur moralischen Technologie. | ||
Es ist diese feine, '''filigrane Bewegung der Seele''', die dazu führt, dass jene sich bekriegenden Kräfte sich gegenseitig aufheben. Denn es ist ein Kampf in dem der Mensch ruhmlos zugrunde gehen müsste. | |||
So | So können wir sagen, dass Luzifer und Ahriman an sich rechtmäßig vom ''höheren Weltenlenken'' zugelassen sind. Und wir müssen, ausgehend aus der grundlegenden ''Michaelischen Stimmung,'' uns richtig zu ihnen verhalten: ohne Scheu, ohne Angst und Entsetzen; sich nicht zu ergeben, aber auch nicht gegen sie anstürmen, sondern '''moralisch‑technisch''' handeln. | ||
== Die Methode der „Goldenen Mitte“ == | == Die Methode der „Goldenen Mitte“ == | ||
Widmen wir uns nun der Frage, wie diese grundlegende moralische Technologie konkret '''verwirklicht''' werden kann. Wie kann man sie anwenden in den schwierigen, ja manchmal ausweglosen Situationen? Wie kann man technisch jene Stellung des Repräsentanten der Menschheit einnehmen, in der das Böse. das auf uns zukommt, sich selbst aufhebt? | |||
Wir finden es dargestellt in ''der Holzskulpturengruppe'', wo Ahriman von goldenen Fäden durchdrungen wird, die aus der Erde aufsteigen.<blockquote>''„Dort sitzt der Zar Kaschtschei und hütet sein Gold…“'' </blockquote>A. S. Puschkin besaß eine geniale poetische Intuition. Er war der verkörperte ''Genius der russischen Sprache''. Nicht nur nur ein genialer Dichter war er; wie die Geisteswissenschaft zeigt, war er die Inkarnation eines hierarchischen Wesens. Und ihm offenbarte sich in diesem erstaunlichen Bild genau das, was Rudolf Steiner in der „Skulpturgruppe“ zeigte: wie Ahriman durch goldene Fäden an die Erde gefesselt wird, und wie Luzifer fällt. | |||
Doch der Menschheitsrepräsentant stößt ihn nicht herunter — wie wenn jemand dreist einen Stock nähme und einen bunten Papagei oder Pfau vom Zaun schlüge. Im Gegenteil. Luzifer bringt sich selbst zu Fall und stürzt sich selbst aus seiner schwindelerregenden Höhe. Und tatsächlich geschieht ein Ausgleich zwischen ihnen. | |||
Ahriman ist es, der Luzifer herabwirft, und Luzifer ist es, der Ahriman fesselt, sodass beide sich gegenseitig aufheben. | |||
Wie lässt sich das praktisch verwirklichen? | |||
Bis zur Technologie ist es hier natürlich noch ein weiter Weg, zunächst geht es darum, dass eine Methode entsteht. Wenn wir aus unserem Erfahrungsschatz schöpfen, können wir eine solche Methode herausarbeiten. | |||
Bis zur Technologie ist es hier natürlich noch | |||
===== Der erste Schritt. ===== | |||
Der Mensch muss in die Reflexion treten. Denn wenn etwas Schreckliches geschieht, steigt natürlich ein Kloß der Verzweiflung in den Hals, die Augen füllen sich mit Tränen, die Seele sinkt in die Fersen, die Beine werden schwer. Und in einem solchen Zustand verfällt der Mensch entweder in Erstarrung oder macht hektische, aber verhängnisvolle Handlungen. | |||
Weder soll der Mensch in die ahrimanische Erstarrung geraten, wie ein Kaninchen vor der Schlange, noch darf ihn die luziferische Hast ergreifen. '''Der Mensch muss aus dem Punkt heraustreten, auf den der Schlag der Situation gerichtet ist.''' Das heißt, dass es zunächst nicht darum geht, nach außen zu schauen und dort die Widersacher zu finden. Anfangs erscheinen die Widersacher im Inneren. In jedem Fall leben die Widersacher in der Seele des Menschen. | |||
Wenn wir also von luziferischer Hast und ahrimanischer Erstarrung | Wenn wir also von luziferischer Hast und ahrimanischer Erstarrung sprechen, geht es nicht um irgendwelche äußeren Gestalten, nicht um Feinde, nicht um tödliche oder reizende Faktoren der äußeren Situation. Es geht um '''grundlegende seelische Kräfte''', um grundlegende Verhaltensstereotype, um das Verhalten der Menschen in Momenten der Gefahr. | ||
Und vor allem darf man weder dem einen noch dem anderen verfallen, sondern muss in eine reflexive Haltung treten: sich selbst von außen sehen, sich selbst von oben sehen, aus dem Schlag herausgehen. | Und vor allem darf man weder dem einen noch dem anderen verfallen, sondern muss in eine reflexive Haltung treten: '''sich selbst von außen sehen, sich selbst von oben sehen, aus dem Schlag herausgehen.''' | ||
Wie es in einem tiefsinnigen Kindertrickfilm „Die Plastilin‑Krähe“ heißt:<blockquote>''„Steht nicht und springt nicht,'' | Wie es in einem tiefsinnigen Kindertrickfilm „Die Plastilin‑Krähe“ heißt:<blockquote>''„Steht nicht und springt nicht,'' | ||
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''dort, wo gebaut wird'' | ''dort, wo gebaut wird'' | ||
''oder eine Last hängt…“''</blockquote>„Steh nicht unter dem Lastarm“ — steht auf der Baustelle. Unter dem Lastarm zu stehen bedeutet, innerhalb der Situation zu bleiben und zu versuchen, darin etwas zu tun. | ''oder eine Last hängt…“''</blockquote>„Steh nicht unter dem Lastarm“ — steht auf der Baustelle. '''Unter dem Lastarm zu stehen''' bedeutet, innerhalb der Situation zu bleiben und zu versuchen, darin etwas zu tun. | ||
Natürlich ist die Steuerung jedes Systems — ja überhaupt jede Steuerung — aus der Sicht der Systemtheorie nur außerhalb des Systems möglich. Um ein System zu steuern, muss man aus dem System heraustreten, auf die Meta‑Ebene gelangen, auf die Ebene der Metasysteme. Praktisch bedeutet dies, in die Reflexion zu treten: sich selbst von außen zu sehen, die eigenen inneren Impulse zu erkennen, wenigstens eine anfängliche Beruhigung zu erreichen und dann vollständig die michaelische Stimmung zu ergreifen. | Natürlich ist die Steuerung jedes Systems — ja überhaupt jede Steuerung — aus der Sicht der Systemtheorie nur außerhalb des Systems möglich. '''Um ein System zu steuern''', muss man aus dem System heraustreten, auf die Meta‑Ebene gelangen, auf die Ebene der Metasysteme. Praktisch bedeutet dies, in die Reflexion zu treten: sich selbst von außen zu sehen, die eigenen inneren Impulse zu erkennen, wenigstens eine anfängliche Beruhigung zu erreichen und dann vollständig die michaelische Stimmung zu ergreifen. | ||
Das kann man als ersten Punkt betrachten: in die Reflexion treten. | Das kann man als ersten Punkt betrachten: in die Reflexion treten. | ||
===== Zweiter Schritt. ===== | |||
Man muss sich bewusst machen: Was auch immer geschieht, was auch immer jetzt droht — mit keiner Panik, keinem Schrecken, keinem Entsetzen wird man die Situation verbessern können. Um die Situation zu verbessern, ist absolute Ruhe notwendig, ein tiefes Verständnis dafür, dass alles Geschehende vom höheren Walten zugelassen ist, dass es sowohl für meine Entwicklung als auch für die Evolution der Menschheit vollkommen notwendig ist. | Man muss sich bewusst machen: Was auch immer geschieht, was auch immer jetzt droht — mit keiner Panik, keinem Schrecken, keinem Entsetzen wird man die Situation verbessern können. Um die Situation zu verbessern, ist absolute Ruhe notwendig, ein tiefes Verständnis dafür, dass alles Geschehende vom höheren Walten zugelassen ist, dass es sowohl für meine Entwicklung als auch für die Evolution der Menschheit vollkommen notwendig ist. | ||
Sobald der Mensch aufhört zu denken: „Was ist das für ein Unglück, das mir widerfährt? Warum habe gerade ich so ein Pech?“, wird von diesem Moment an die Wirkung der schicksalhaften Kräfte angehalten. Man kann nicht sagen, dass damit alles gelöst ist. Natürlich gibt es die Trägheit der Situation. Das bedeutet nicht, dass es sofort viel leichter wird. Aber man kann mit Sicherheit sagen, dass die Wirkung der schicksalhaften Kräfte angehalten wird, dass von diesem Moment an das Unwiederbringliche nicht mehr eintreten wird. | Sobald der Mensch aufhört zu denken: „Was ist das für ein Unglück, das mir widerfährt? Warum habe gerade ich so ein Pech?“, wird von diesem Moment an die Wirkung der schicksalhaften Kräfte angehalten. Man kann nicht sagen, dass damit alles gelöst ist. Natürlich gibt es die Trägheit der Situation. Das bedeutet nicht, dass es sofort viel leichter wird. Aber man kann mit Sicherheit sagen, dass die Wirkung der schicksalhaften Kräfte angehalten wird, dass von diesem Moment an das Unwiederbringliche nicht mehr eintreten wird. | ||
Das ist der zweite wichtige Punkt, den wir nach der Reflexion erreichen – die | Das ist der zweite wichtige Punkt, den wir nach der Reflexion erreichen – '''die Мichaelische Stimmung''', das Sich‑Anvertrauen der Weisheit des Weltenlenkens. Tatsächlich werden '''wir von diesem Moment''' an zu Kriegern, zu Kämpfern der michaelischen Schar, wir werden zu '''Schülern des Erzengels Michael''', der uns lehrt, wie man '''den geistigen Kampf''' richtig führt. Von diesem Moment an erhält der Kampf einen rein geistigen Charakter. | ||
'''''Der Ergebenheitsgebet,''''' '''R. Steiner, GA 58:''' | |||
''“Was auch kommt, was mir auch die nächste Stunde, der nächste Tag bringen mag: ich kann es zunächst, wenn es mir ganz unbekannt ist, durch keine Furcht und Angst ändern. Ich erwarte es mit vollkommener Meeresstille des Gemütes. Durch Furcht und Angst wird unsere Entwickelung gehemmt; wir stoßen durch die Wellen der Furcht und Angst zurück, was aus der Zukunft in unsere Seele herein will. Die Hingabe an das, was man göttliche Weisheit nennt in den Ereignissen, die Gewißheit, daß das, was kommt, kommen muß, und daß es in einer gewissen Weise seine guten Wirkungen haben wird, das Hervorrufen dieser Stimmung in Worten, in Gefühlen, in Ideen, das ist '''die Stimmung des Ergebenheitsgebetes'''. Es gehört zu dem, was wir in dieser Zeit lernen müssen, aus reinem Vertrauen zu leben, ohne alle Daseinssicherheit, Vertrauen auf die immer gegenwärtige Hilfe der geistigen Welt zu haben. Wahrhaftig, anders geht es heute nicht, wenn der Mut nicht sinken soll”.'' | |||
===== Dritter Schritt. ===== | |||
Wenn wir also die Höhe des Sehens durch die Reflexion und die Ruhe durch die michaelische Stimmung und das Sich‑Anvertrauen an das Weltenlenken erreicht haben, können wir den dritten Schritt tun – von dort, von der Höhe aus, '''unsere Problemsituation überblicken''' und nun in '''neuer Qualität''', in neuer Perspektive '''jene''' '''Faktoren der äußeren Situation erkennen''' (wir bemerken: bisher haben wir nur mit inneren Faktoren gearbeitet), die uns in solche Verwirrung und Verzweiflung gebracht haben. | |||
Das kann der dritte Punkt sein — '''die Betrachtung der Faktoren der äußeren Situation.''' | |||
===== Vierter Schritt. ===== | |||
Im vierten Schritt tun wir das Wichtigste — wir führen '''die Identifikation''' durch. Hier ist es sehr wichtig zu verstehen, dass im Grunde genommen zwei große Kräfte in der Situation wirken. Faktoren kann es natürlich viele geben, aber im Wesentlichen gibt es zwei Kräfte — die luziferische und die ahrimanische. Daher führen wir im vierten Punkt die Identifikation durch: '''welche feindlichen Faktoren den luziferischen Kräften angehören und welche den ahrimanischen.''' | |||
===== Fünfter Schritt. ===== | |||
Mit jedem Schritt entsteht immer mehr Ruhe, immer mehr Gegenwart des Geistes, immer mehr Gewissheit, wie es in ''der Ergebenheitsgebet'' heißt, in ihrer guten Wirkung. | |||
Und dann '''richten wir''' im fünften Punkt '''unseren Blick auf die unheilvollsten Kräfte.''' Das heißt: in jeder Situation gibt es immer, sozusagen, einen „guten und einen bösen Polizisten“. Aber der gute — er ist überhaupt nicht gut, er ist dennoch ein Polizist. Alles, was sich hinter der Maske des Guten verbirgt — das ist in Wirklichkeit Luzifer, und das, was als Böses erscheint — das ist das Böse höherer Ordnung, das ist Ahriman. | |||
Im fünften Punkt richten wir unseren Blick auf die bösen Kräfte und '''erkennen ihre Natur und ihre Absichten:''' warum sie rechtmäßig aufgetreten sind, warum sie mit kosmischer Notwendigkeit in dieser konkreten Situation aufgetreten sind. Oder, einfach gesagt: warum es gut ist? Warum ist es gut, dass sie gekommen sind? Und im Gegenteil: es wäre sehr schlecht, viel schlimmer, wenn sie gerade nicht gekommen wären. | |||
Oft erscheint das völlig undenkbar. Was soll denn hier gut sein? Das ist doch ein einziger Schrecken! Aber dennoch — gerade das ist gut, so seltsam es auch klingt. | Oft erscheint das völlig undenkbar. Was soll denn hier gut sein? Das ist doch ein einziger Schrecken! Aber dennoch — gerade das ist gut, so seltsam es auch klingt. | ||
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Wer diese Technik viele Male praktiziert hat, hat diesen Zustand als den unheilvollsten erlebt, weil sofort die Gefahr besteht, sich in ein dressiertes Kaninchen zu verwandeln. | Wer diese Technik viele Male praktiziert hat, hat diesen Zustand als den unheilvollsten erlebt, weil sofort die Gefahr besteht, sich in ein dressiertes Kaninchen zu verwandeln. | ||
'''''Einstufung des Teilnehmers:'''''<blockquote>''Das Schwierigste ist die innere Willensanstrengung. Das heißt: dasjenige, was sich dir als schlecht einprägt. Man muss durch eine Willensanstrengung in die Reflexion treten, was in diesem Augenblick sehr schwer ist, sich beruhigen und dann durch eine Willensanstrengung all diese Schritte durchlaufen.'' | |||
<blockquote>''Das Schwierigste ist die innere Willensanstrengung. Das heißt: dasjenige, was sich dir als schlecht einprägt. Man muss durch eine Willensanstrengung in die Reflexion treten, was in diesem Augenblick sehr schwer ist, sich beruhigen und dann durch eine Willensanstrengung all diese Schritte durchlaufen.'' | |||
''Hier ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass du diese Situation noch vor der Geburt geplant hast, dass sie für deine Entwicklung notwendig ist und dass in ihr eine gute Wirkung liegt. Aber dieses Gute kann nur dann gut werden, wenn du es erkennst. Wenn du aber glaubst, dass das Geschehende etwas Schlechtes ist, dann wird es auch schlecht, und das Gute, das in ihm enthalten ist, verflüchtigt sich sofort, verdampft wie ein Geist. Es ist ja etwas, das man nicht greifen kann.'' | ''Hier ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass du diese Situation noch vor der Geburt geplant hast, dass sie für deine Entwicklung notwendig ist und dass in ihr eine gute Wirkung liegt. Aber dieses Gute kann nur dann gut werden, wenn du es erkennst. Wenn du aber glaubst, dass das Geschehende etwas Schlechtes ist, dann wird es auch schlecht, und das Gute, das in ihm enthalten ist, verflüchtigt sich sofort, verdampft wie ein Geist. Es ist ja etwas, das man nicht greifen kann.'' | ||
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''Das heißt: der Mensch zieht gewissermaßen jenen Willen zu sich zurück, den Ahriman und Luzifer bereits ergriffen haben und mit dem sie den Menschen auf Spannungen halten. Entweder dorthin oder dahin. Entweder fällt man in eine Extreme oder in die andere. Aber diesen Willensimpuls in sich zu sammeln und mit diesem Willensimpuls das Äußere durch den eigenen inneren Zustand zu verwandeln — das ist die Aufgabe.'' | ''Das heißt: der Mensch zieht gewissermaßen jenen Willen zu sich zurück, den Ahriman und Luzifer bereits ergriffen haben und mit dem sie den Menschen auf Spannungen halten. Entweder dorthin oder dahin. Entweder fällt man in eine Extreme oder in die andere. Aber diesen Willensimpuls in sich zu sammeln und mit diesem Willensimpuls das Äußere durch den eigenen inneren Zustand zu verwandeln — das ist die Aufgabe.'' | ||
''Zu entschlüsseln, warum es gut ist, dass diese Situation gekommen ist — das ist der nächste, noch schwierigere Schritt.''</blockquote>Natürlich ist dies die schwierigste Frage: Was soll denn | ''Zu entschlüsseln, warum es gut ist, dass diese Situation gekommen ist — das ist der nächste, noch schwierigere Schritt.''</blockquote>Natürlich ist dies die schwierigste Frage: '''Was soll denn hierbei Gutes sein?''' Was kann gut sein, wenn etwas Schreckliches mit dir geschieht? Doch gerade durch die Antwort auf diese Frage verwandeln wir das Schreckliche tatsächlich in das Gute und halten dadurch das Schreckliche an. Wenn wir diese Frage jedoch nicht beantworten, dann wird tatsächlich etwas Schreckliches geschehen. | ||
Wir bemerken, dass dies keine Selbstsuggestion ist, keine psychologischen Tricks, bei denen der Mensch einfach den Kopf in den Sand steckt, um das Schlechte nicht zu sehen, und sich einredet, dass alles gut sei oder Ähnliches. Es ist ein reales Erkennen des Wesens des Bösen und jener göttlichen Grundlage, die in der Welt wirkt. | Wir bemerken, dass dies keine Selbstsuggestion ist, keine psychologischen Tricks, bei denen der Mensch einfach den Kopf in den Sand steckt, um das Schlechte nicht zu sehen, und sich einredet, dass alles gut sei oder Ähnliches. Es ist '''ein reales Erkennen des Wesens des Bösen''' und jener '''göttlichen Grundlage''', die in der Welt wirkt. | ||
Im fünften Punkt erkennen wir, warum das Böse, das durch das unmittelbare Wirken der bösen Kräfte kommt, in dieser Situation vollkommen notwendig ist. Nicht einfach für die gesamte Weltenentwicklung, allgemein gesprochen, sondern gerade in dieser konkreten Situation. Denn das Böse ist genau in diese konkrete Situation eingetreten. Es ist ja nicht der ganze Ahriman eingetreten, sondern nur ein Impuls von Ahriman, und nicht in die ganze Welt, sondern genau in diese Situation. Warum ist es gerade hier gut? | Im fünften Punkt erkennen wir, '''warum das Böse''', das durch das unmittelbare Wirken der bösen Kräfte kommt, '''in dieser Situation vollkommen notwendig ist'''. Nicht einfach für die gesamte Weltenentwicklung, allgemein gesprochen, sondern gerade in dieser konkreten Situation. Denn das Böse ist genau in diese konkrete Situation eingetreten. Es ist ja nicht der ganze Ahriman eingetreten, sondern nur ein Impuls von Ahriman, und nicht in die ganze Welt, sondern genau in diese Situation. Warum ist es gerade hier gut? | ||
Dann wenden wir unseren Blick in die entgegengesetzte Richtung (sechster Punkt): auf welches Übel dieser Schlag gerichtet war. Nicht die Finger zwischen Hammer und Amboss stecken, sondern verstehen, was genau dort geschehen ist. | ===== Sechster Schritt. ===== | ||
Dann wenden wir unseren Blick in die entgegengesetzte Richtung (sechster Punkt): '''auf welches Übel dieser Schlag gerichtet war.''' Nicht die Finger zwischen Hammer und Amboss stecken, sondern verstehen, was genau dort geschehen ist. | |||
Und ebenso: welche Mängel in uns durch diesen Schlag ausgerottet werden müssen, die im Grunde genommen diesen Schlag provoziert haben? | Und ebenso: '''welche Mängel in uns durch diesen Schlag ausgerottet werden müssen,''' die im Grunde genommen diesen Schlag provoziert haben? | ||
Man kann sagen, dass eine Wunde die Entstehung einer Infektion provoziert, obwohl in der Wunde selbst (dem Schnitt) die Infektion noch nicht vorhanden ist. Das heißt: einerseits gibt es die äußere Infektion, andererseits gibt es den Schnitt, der geheilt und geöffnet werden muss. Der Schnitt ist die Wunde selbst, und die Infektion ist dasjenige, was in die Wunde eindringt. | Man kann sagen, dass eine Wunde die Entstehung einer Infektion provoziert, obwohl in der Wunde selbst (dem Schnitt) die Infektion noch nicht vorhanden ist. Das heißt: einerseits gibt es die äußere Infektion, andererseits gibt es den Schnitt, der geheilt und geöffnet werden muss. Der Schnitt ist die Wunde selbst, und die Infektion ist dasjenige, was in die Wunde eindringt. | ||
Und wenn klar wird, was im fünften und sechsten Punkt getan wurde, dann werden im siebten Punkt die entscheidenden Handlungen vollzogen und es kommt zu ihrer gegenseitigen Aufhebung. | ===== Der siebte Schritt. ===== | ||
Und wenn klar wird, was im fünften und sechsten Punkt getan wurde, dann werden im siebten Punkt '''die entscheidenden Handlungen vollzogen und es kommt zu ihrer gegenseitigen Aufhebung.''' | |||
Dank des fünften und sechsten Punktes kann man tatsächlich die goldene Mitte einnehmen und aus dieser Stellung der Mitte heraus gleichzeitig das eine und das andere im gegenseitig aufhebenden Wirken erleben. | Dank des fünften und sechsten Punktes kann man tatsächlich die goldene Mitte einnehmen und aus dieser Stellung der Mitte heraus gleichzeitig das eine und das andere im gegenseitig aufhebenden Wirken erleben. | ||
Nun, da wir die sieben Punkte aufgeschrieben haben, kann man sagen, dass diese moralische Technik der „Goldenen Mitte“ zur Methode wird. Und wenn diese Methode kultiviert wird und viele Präzedenzfälle schafft, dann wird die Zeit kommen, in der sie zur moralischen Technologie wird. | Nun, da wir die sieben Punkte aufgeschrieben haben, kann man sagen, dass diese moralische Technik der „Goldenen Mitte“ zur Methode wird. Und wenn diese Methode kultiviert wird und viele Präzedenzfälle schafft, dann wird die Zeit kommen, in der sie zur moralischen Technologie wird.[[Datei:Siegel3.png|60px|right]] | ||
== | == Didaktisches Material == | ||
''Rudolf Steiner, GA 157, «Menschenschicksale und Völkerschicksale», 12. Vortrag, 10 Juni, 1915:'' | ''Rudolf Steiner, GA 157, «Menschenschicksale und Völkerschicksale», 12. Vortrag, 10 Juni, 1915:'' | ||
«Über dieser plastischen Gestalt wird das ganze Motiv malerisch dargestellt sein; man wird beides nebeneinander sehen können und einsehen, wie nach der Verschiedenheit der Künste die Malerei nicht in derselben Weise das geben kann, sondern alles, alles anders sein muß in der Ausgestaltung. | «Über dieser plastischen Gestalt wird das ganze Motiv malerisch dargestellt sein; man wird beides nebeneinander sehen können und einsehen, wie nach der Verschiedenheit der Künste die Malerei nicht in derselben Weise das geben kann, sondern alles, alles anders sein muß in der Ausgestaltung. | ||
Aktuelle Version vom 21. Juli 2026, 07:11 Uhr
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Text vom 11.11.2016.
Herausgegeber: Tatiana Tsykra (tetyana.tsykra@gmail.com)
Redaktion vom 19.07.2026
Die grundlegende moralische Technologie des „Goldenen Mitte“
R. Steiner, GA 194, 1. Vortrag, 21. November, 1919:
«Es ist dieses menschliche Leben wie ein Waagebalken. Hier das Hypomochlion, da eine Waagschale, das Luziferische, das aber in Wirklichkeit hinaufzieht. Auf der anderen Seite das Ahrimanische, das in Wirklichkeit hinunterzieht. Den Waagebalken im Gleichgewicht zu erhalten, das ist das Wesen des Menschen. [...] Wir haben es zu tun im Weltendasein mit dem Luziferischen, das die eine Waagschale, dem Ahrimanischen, das die andere Waagschale darstellt, und dem Gleichgewichtszustande, der uns darstellt den Christus-Impuls.»
Einleitung
Bei Luzifer und Ahriman ist nicht alles verderblich, es gibt auch seine rechten Wege.en würde. Genauer gesagt traten sie ursprünglich als unverzichtbare Elemente des gesamten Evolutionsprozesses auf, die es ohne Luzifer und Ahriman nicht geben würde.
Durch Ahriman wurde es grundsätzlich möglich, den reinen Geist zu verdichten und Materie zu erschaffen. Und nur dank der Entstehung der materiellen Welt wurde innerhalb des gesamten geistigen Kosmos die Enklave geschaffen, die einzig den Raum für Freiheit ermöglicht.
So geht es gar nicht Mal darum, aus Ahriman irgendwie einen Nutzen zu gewinnen (nach dem Motto: „von einem schlechten Schaf wenigstens ein Büschel Wolle“). Die Dinge liegen weitaus tiefer. Ahriman ist jene Weltkraft, die am Aufbau des Kosmos ebenso teilnimmt wie Luzifer. Doch ist der Grad ihrer Beteiligung in den verschiedenen Entwicklungsstufen unterschiedlich.
Stellen wir uns vor, Ahriman sei der große Architekt, der das geschaffen hat, was die irdische materielle Welt darstellt – die Matrix. Er ist der Große Architekt der Matrix.
Man kann sagen, dass er in gewissem Sinne ihr Schöpfer ist (eben in einem gewissen Sinne, denn Ahriman trägt dennoch nicht den ursprünglichen schöpferischen Impuls in sich, da er selbst von einem höheren göttlichen Ursprung erschaffen wurde). Doch innerhalb bestimmter Grenzen, unter bestimmten Voraussetzungen, kann Ahriman als Schöpfer dieser Matrix verstanden werden.
Und natürlich erscheinen ihm die Seelen, die in das Reich Ahrimans gelangen, nahezu als sein Eigentum. Es scheint ihm gerade so, als könne er selbst besser über diese Seelen verfügen, dass er ihnen mehr zu bieten hat, dass sein Reich das bessere sei.
Aber auch das hat die geistige Welt wiederum zugelassen. Genauer gesagt hat sie es zunächst nicht nur zugelassen, sondern Ahriman beauftragt zur Errichtung dieser Matrix – in der ersten großen Phase. In der zweiten Phase hat die geistige Welt ihn nicht mehr beauftragt (hier kann man nicht mehr von einem unmittelbaren Auftrag sprechen), sondern in gewissem Maße zugelassen, dass Ahriman als Versucher und als möglicher Fänger menschlicher Seelen auftritt.
Denn die Seelen können Freiheit nur dann erringen, wenn sie zum einen ihre Entwicklung durchlaufen, und auch ihre Versuchung überwinden. Für das eine wie das andere ist Ahriman notwendig.
Im ersten Fall tritt Ahriman als eine hemmende Kraft auf. Wie wir wissen, kann der Entwicklungsweg gegangen werden, indem man Hindernisse überwindet. Befände man sich hingegen in seligen, komfortablen Bedingungen, wenn man – wie es im Kindergedicht von Sergej Michalkow „Über die Mimose“ heißt:
Wer liegt denn hier im Bett
Tief unter dicken Wattedecken?
Außer Törtchen und Kuchen
Mag er gar nichts essen?
Wenn die Menschheit so im Bett läge (und in gewissem Sinne lag sie auch so bis zum Sündenfall), wäre selbstverständlich keine Entwicklung möglich.
Deshalb brauchte es zunächst den Geist, der an die Menschheit herantrat, um sie aus dem Bett zu reißen. Und anstelle der Kuchen und Törtchen war die Menschheit nun genötigt sich zu bemühen, um wenigstens ein Stück Brot zu erhaschen.
Anschließend tritt dann jener Geist auf, der versucht, die Menschheit zu fesseln und ihr jene verlorenen Güter zu geben, die sie einst hatte, als sie sich im geistigen Zustand befand – jedoch nun in materieller Gestalt.
So sind Luzifer und Ahriman Geister, die einander entgegengesetzt sind, die in verschiedene Richtungen wirken. Doch die Beteiligung jedes Einzelnen ist für die Evolution der Menschheit unabdingbar, in dessen verschiedenen Stadien jeder seine besondere Mission erfüllt.
Jetzt, da die Menschheit in die entscheidende Phase der Entstehung der zehnten Hierarchie und der Erlangung der Freiheit eintritt, besteht die Aufgabe Luzifers und Ahrimans darin, als Versucher und als hemmende Kräfte aufzutreten, gegenüber denen der Mensch die Versuchungen bestehen muss. Denn Freiheit kann der Mensch, der nicht versucht wurde, nicht erreichen. Im Grunde genommen existiert er noch gar nicht.
Denn ein unentwickelter Mensch kann kein freier Mensch sein – ein Mensch, der keine Hindernisse überwunden hat, um seine Kräfte zu entfalten. Dessen Kräfte sich also noch im Keimzustand befinden und nicht zu Kräften eines entwickelten Wesens geworden sind.
Das ist das Erste, was man im Verhältnis zu Luzifer und Ahriman verstehen muss.
Wir müssen uns aber auch bewusst sein, dass nicht die Rede sein kann von einem kraftvollen Widerstand von Seiten der Widersacher. Ein kraftvoller Widerstand endet für den Menschen immer kläglich, denn es handelt sich um hierarchische Wesen. Sie sind dem Menschen so überlegen, wie ein erwachsener Mensch einem Säugling überlegen ist. Der Mensch ist ihnen gegenüber etwa so schutzlos wie die Kinder vor König Herodes waren, als er befahl, sie zu töten.
Deshalb kann es sich nicht um einen kraftvollen Widerstand handeln. Es geht um einen ausgesprochen feinen, technisch geführten Konflikt zwischen ihnen selbst.
Geführter Konflikt gehört zu den anspruchsvollsten Disziplinen des Managements. Hier zeigen sich auch seine geistigen Grundlagen. Denn Ahriman und Luzifer stehen selbst in Gegenphase: der eine führt zur Materialisierung, der andere zur Dematerialisierung. Wenn sie sich aber „zusammenfinden“, dann werden sie tatsächlich zu Toren für das endgültige, unheilbare Böse, welches das menschliche Ich auffrisst – das Azurisch-Böse.
Daher besteht die Frage darin, wie man durch den geführten Konflikt zwischen ihnen aus der Mitte heraus wirken kann.
Hierbei ist das Bildnis des Menschheitsrepräsentanten von großer Bedeutung. Rudolf Steiner betont, dass der Menschheitsrepräsentant Luzifer und Ahriman nicht durch Kraft besiegt – weder durch seine eigene Kraft noch durch die Kraft seiner göttlichen Größe. Er besiegt sie durch seine Stellung – die Stellung der Mitte. Die meisterhaft eingenommene Stellung der Mitte lähmt und löscht Luzifer und Ahriman gegenseitig aus.
Eine hohe Meisterschaft und Technik ist es – die grundlegende moralische Technik, die der Menschheitsrepräsentant jedem Menschen vermitteln möchte.
Und im Rahmen dieses Themas könnte man sagen, dass es sich nicht einfach um ein hohes Ideal dessen handelt, was der Repräsentant der Menschheit im Kosmos vollbringt. Es ist gerade dasjenige, was jedem Menschen übergeben werden soll, und deshalb muss es ersonnen und ins Bewusstsein gebracht werden. Und diese hohe Technik als Ideal, als das höchste göttliche Ideal, muss vom Menschen bereits ersonnen werden als Methode, als moralische Methode.
So wird die moralische Technik, durch die Besinnung, zur moralischen Methode.
Und dann, wenn eine ausreichende Anzahl von Menschen beginnt, diese Methode zu kultivieren, die zunächst für die Menschheit als Kultus auftritt, dann wird auf der Erde ein moralischer Raum entstehen, in dem dieser Kult zur Normalität wird. Es wird nicht mehr etwas Außergewöhnliches, Außerordentliches sein, sondern es wird zu einem normalen sozialen Phänomen, das sich aus sich selber erneuert.
Dann werden immer mehr Menschen diesen Kultus ergreifen können, und im Laufe der nächsten 2500 Jahre werden immer mehr Menschen das Christus‑Ereignis im Ätherischen erleben, wie wir aus der Geisteswissenschaft erfahren.
Und dann wird dies nicht mehr nur ein einzeln kultivierter Kultus sein, sondern eine allgemeinmenschliche Kultur. Das, was anfangs die Technik des Menschheitsrepräsentanten und die Methode für einzelne seiner Schüler war, wird zu einer Technologie, das heißt zu einer sich selbst reproduzierenden Methode, die ihren raschen Weg von Mensch zu Mensch antreten wird.
Das wird die grundlegende moralische Technologie sein — womit jeder Mensch Luzifer und Ahriman ausgleichen kann, in seinem persönlichen Leben und in seinem unmittelbaren sozialen Umfeld.
Das ist die unmittelbare Bestimmung jedes Menschen — nicht etwa irgendwelche sozialen Revolutionen oder Protestaktionen zu veranstalten, nicht den äußeren Kampf zu führen, sondern mittels einer solchen, man könnte sagen, sozialen Kunst (denn darin liegt ihr wahrer Sinn) — niemals zwischen Hammer und Amboss zu geraten.
Das heißt: in allen Situationen, in allen Nöten und Unglücken, in die der Mensch gerät, gibt es zwei Seiten. Das ist nicht bei weitem nicht immer offensichtlich. Doch kann man bei einem tieferen Blick immer zwei gegeneinander wirkende Kräfte erkennen. Immer tritt etwas als Hammer auf — dasjenige, was den Menschen unmittelbar angreift, und etwas tritt als Amboss auf. Ein Mensch, der versucht, äußerlich gegen etwas anzukämpfen, wird unvermeidlich zwischen Hammer und Amboss geraten und seine Niederlage erleiden.
So unglaublich es zunächst erscheinen mag, aber in jeder, selbst der furchtbarsten, gefährlichsten Situation gibt es immer eine solche Position der Mitte, wo wenn Hammer und Amboss gegeneinander schlagen, der Mensch seine Finger — oder seinen Kopf — rechtzeitig von dort wegzieht. Und dann geschieht nahezu ohne jeglichen Kampf oder Verluste, ein Ausgleich und Auflösung der Problemsituationen.
Das ist die Aufgabe des Menschen unserer industriellen Zeit — sich nicht einfach irgendwie aus immerzu komplizierten Situationen herauszuwinden. Denn wenn der Mensch sich nur herauswinden will, wird er sich aus einigen Situationen befreien können, sich in anderen jedoch umso tiefer verstricken. Wenn er versucht, dem Drachen seinen Kopf abzuschlagen, werden zwei Köpfe nachwachsen. So darf man auf keinen Fall dem Bösen mit Gewalt widerstehen, einem Bösen mit einem anderen Bösen entgegentreten. Das wäre der große Fehler, denn Luzifer und Ahriman warten nur darauf — dass der Mensch sich auf die Seite von einem von ihnen stellt.
Gerade deshalb ist der gesamte politische Kampf, der sich auf staatlich‑rechtlicher Ebene entfaltet, wo völlig künstlich eine Vielzahl politischer Parteien geschaffen wird, ein Aufruf an den Menschen, aktiv zu wählen, wobei vor allem die Illusion der Freiheit erzeugt wird.
So scheint es uns, dass wir in einem freien Land leben. Einst existierte eine einzige kommunistische Partei. Der Mensch hatte keine Wahl, und offen gegen die Partei auftreten konnte und durfte er nicht.
Und jetzt ist eine solche Illusion der Freiheit geschaffen, bei der man die eine Partei lieben und eine andere hassen kann — und das wird als normal angesehen.
Doch genau darauf warten Luzifer und Ahriman: dass der Mensch etwas aus der äußeren Welt annimmt und gegen etwas anderes auftritt, ohne zu verstehen, dass dies zwei Hände desselben Puppenspielers sind. Zwei Tentakel einer Hydra. Zwei Köpfe eines Drachen.
Daher kann der Mensch nur aus der Stellung seiner Mitte, durch die Kraft ihrer immer tiefer und tiefer erfassen, was die Bedeutung ist dieser Stellung der Mitte, und erfassen, dass sie selbst die größte Kraft im Universum ist. Nicht irgendeine Allmacht ist es, denn Gott hat auf Allmacht verzichtet.
Man kann es in Form eines solchen Gleichnisses ausdrücken. Der Herrgott verzichtete auf zwei seiner grundlegenden Eigenschaften: auf Allmacht und Allwissenheit. Die Allmacht schenkte Er Ahriman, und das Allwissen Luzifer — damit tatsächlich Ahriman allmächtig und Luzifer allwissend werde. Und es fragt sich: Wie kann denn die nichtige Menschheit einem Allmächtigen und einem Allwissenden entgegentreten? Sie würden ihn doch einfach zu Staub zermahlen, wenn er zwischen Hammer und Amboss geriete!
Doch bewahrte der Herrgott für sich jene heilige goldene Mitte, in der die zwei Widersacher, die die einstmaligen göttlichen Vorzüge besitzen, absolute Vorzüge, dennoch an diesem Punkt einander annullieren und vollständig gegenseitig auslöschen.
Offenbar ist dies die Grundlage aller moralischen Technologien überhaupt, denn ihrem Ursprung und ihrem Sinn nach ist die moralische Technologie, die genetisch aus der moralischen Technik hervorgeht, die Möglichkeit eines solchen Weltschaffens in der empfangenen moralischen Phantasie, bei dem die ursprüngliche göttliche Schöpfung der Welt nicht zerstört wird.
Wie kann man die Welt zum Besseren wenden — im Sinne der höheren Ziele der Götter und im Sinne ihres göttlichen Planes? Genau darin besteht der Schlüssel der moralische Technik. Und indem sie zur Errungenschaft einer bedeutenden Anzahl von Menschen wird, und sich aus sich selbst weiter hervorbringt, wird zur moralischen Technologie.
Es ist diese feine, filigrane Bewegung der Seele, die dazu führt, dass jene sich bekriegenden Kräfte sich gegenseitig aufheben. Denn es ist ein Kampf in dem der Mensch ruhmlos zugrunde gehen müsste.
So können wir sagen, dass Luzifer und Ahriman an sich rechtmäßig vom höheren Weltenlenken zugelassen sind. Und wir müssen, ausgehend aus der grundlegenden Michaelischen Stimmung, uns richtig zu ihnen verhalten: ohne Scheu, ohne Angst und Entsetzen; sich nicht zu ergeben, aber auch nicht gegen sie anstürmen, sondern moralisch‑technisch handeln.
Die Methode der „Goldenen Mitte“
Widmen wir uns nun der Frage, wie diese grundlegende moralische Technologie konkret verwirklicht werden kann. Wie kann man sie anwenden in den schwierigen, ja manchmal ausweglosen Situationen? Wie kann man technisch jene Stellung des Repräsentanten der Menschheit einnehmen, in der das Böse. das auf uns zukommt, sich selbst aufhebt?
Wir finden es dargestellt in der Holzskulpturengruppe, wo Ahriman von goldenen Fäden durchdrungen wird, die aus der Erde aufsteigen.
„Dort sitzt der Zar Kaschtschei und hütet sein Gold…“
A. S. Puschkin besaß eine geniale poetische Intuition. Er war der verkörperte Genius der russischen Sprache. Nicht nur nur ein genialer Dichter war er; wie die Geisteswissenschaft zeigt, war er die Inkarnation eines hierarchischen Wesens. Und ihm offenbarte sich in diesem erstaunlichen Bild genau das, was Rudolf Steiner in der „Skulpturgruppe“ zeigte: wie Ahriman durch goldene Fäden an die Erde gefesselt wird, und wie Luzifer fällt.
Doch der Menschheitsrepräsentant stößt ihn nicht herunter — wie wenn jemand dreist einen Stock nähme und einen bunten Papagei oder Pfau vom Zaun schlüge. Im Gegenteil. Luzifer bringt sich selbst zu Fall und stürzt sich selbst aus seiner schwindelerregenden Höhe. Und tatsächlich geschieht ein Ausgleich zwischen ihnen.
Ahriman ist es, der Luzifer herabwirft, und Luzifer ist es, der Ahriman fesselt, sodass beide sich gegenseitig aufheben.
Wie lässt sich das praktisch verwirklichen?
Bis zur Technologie ist es hier natürlich noch ein weiter Weg, zunächst geht es darum, dass eine Methode entsteht. Wenn wir aus unserem Erfahrungsschatz schöpfen, können wir eine solche Methode herausarbeiten.
Der erste Schritt.
Der Mensch muss in die Reflexion treten. Denn wenn etwas Schreckliches geschieht, steigt natürlich ein Kloß der Verzweiflung in den Hals, die Augen füllen sich mit Tränen, die Seele sinkt in die Fersen, die Beine werden schwer. Und in einem solchen Zustand verfällt der Mensch entweder in Erstarrung oder macht hektische, aber verhängnisvolle Handlungen.
Weder soll der Mensch in die ahrimanische Erstarrung geraten, wie ein Kaninchen vor der Schlange, noch darf ihn die luziferische Hast ergreifen. Der Mensch muss aus dem Punkt heraustreten, auf den der Schlag der Situation gerichtet ist. Das heißt, dass es zunächst nicht darum geht, nach außen zu schauen und dort die Widersacher zu finden. Anfangs erscheinen die Widersacher im Inneren. In jedem Fall leben die Widersacher in der Seele des Menschen.
Wenn wir also von luziferischer Hast und ahrimanischer Erstarrung sprechen, geht es nicht um irgendwelche äußeren Gestalten, nicht um Feinde, nicht um tödliche oder reizende Faktoren der äußeren Situation. Es geht um grundlegende seelische Kräfte, um grundlegende Verhaltensstereotype, um das Verhalten der Menschen in Momenten der Gefahr.
Und vor allem darf man weder dem einen noch dem anderen verfallen, sondern muss in eine reflexive Haltung treten: sich selbst von außen sehen, sich selbst von oben sehen, aus dem Schlag herausgehen.
Wie es in einem tiefsinnigen Kindertrickfilm „Die Plastilin‑Krähe“ heißt:
„Steht nicht und springt nicht,
singt nicht und tanzt nicht,
dort, wo gebaut wird
oder eine Last hängt…“
„Steh nicht unter dem Lastarm“ — steht auf der Baustelle. Unter dem Lastarm zu stehen bedeutet, innerhalb der Situation zu bleiben und zu versuchen, darin etwas zu tun.
Natürlich ist die Steuerung jedes Systems — ja überhaupt jede Steuerung — aus der Sicht der Systemtheorie nur außerhalb des Systems möglich. Um ein System zu steuern, muss man aus dem System heraustreten, auf die Meta‑Ebene gelangen, auf die Ebene der Metasysteme. Praktisch bedeutet dies, in die Reflexion zu treten: sich selbst von außen zu sehen, die eigenen inneren Impulse zu erkennen, wenigstens eine anfängliche Beruhigung zu erreichen und dann vollständig die michaelische Stimmung zu ergreifen.
Das kann man als ersten Punkt betrachten: in die Reflexion treten.
Zweiter Schritt.
Man muss sich bewusst machen: Was auch immer geschieht, was auch immer jetzt droht — mit keiner Panik, keinem Schrecken, keinem Entsetzen wird man die Situation verbessern können. Um die Situation zu verbessern, ist absolute Ruhe notwendig, ein tiefes Verständnis dafür, dass alles Geschehende vom höheren Walten zugelassen ist, dass es sowohl für meine Entwicklung als auch für die Evolution der Menschheit vollkommen notwendig ist.
Sobald der Mensch aufhört zu denken: „Was ist das für ein Unglück, das mir widerfährt? Warum habe gerade ich so ein Pech?“, wird von diesem Moment an die Wirkung der schicksalhaften Kräfte angehalten. Man kann nicht sagen, dass damit alles gelöst ist. Natürlich gibt es die Trägheit der Situation. Das bedeutet nicht, dass es sofort viel leichter wird. Aber man kann mit Sicherheit sagen, dass die Wirkung der schicksalhaften Kräfte angehalten wird, dass von diesem Moment an das Unwiederbringliche nicht mehr eintreten wird.
Das ist der zweite wichtige Punkt, den wir nach der Reflexion erreichen – die Мichaelische Stimmung, das Sich‑Anvertrauen der Weisheit des Weltenlenkens. Tatsächlich werden wir von diesem Moment an zu Kriegern, zu Kämpfern der michaelischen Schar, wir werden zu Schülern des Erzengels Michael, der uns lehrt, wie man den geistigen Kampf richtig führt. Von diesem Moment an erhält der Kampf einen rein geistigen Charakter.
Der Ergebenheitsgebet, R. Steiner, GA 58:
“Was auch kommt, was mir auch die nächste Stunde, der nächste Tag bringen mag: ich kann es zunächst, wenn es mir ganz unbekannt ist, durch keine Furcht und Angst ändern. Ich erwarte es mit vollkommener Meeresstille des Gemütes. Durch Furcht und Angst wird unsere Entwickelung gehemmt; wir stoßen durch die Wellen der Furcht und Angst zurück, was aus der Zukunft in unsere Seele herein will. Die Hingabe an das, was man göttliche Weisheit nennt in den Ereignissen, die Gewißheit, daß das, was kommt, kommen muß, und daß es in einer gewissen Weise seine guten Wirkungen haben wird, das Hervorrufen dieser Stimmung in Worten, in Gefühlen, in Ideen, das ist die Stimmung des Ergebenheitsgebetes. Es gehört zu dem, was wir in dieser Zeit lernen müssen, aus reinem Vertrauen zu leben, ohne alle Daseinssicherheit, Vertrauen auf die immer gegenwärtige Hilfe der geistigen Welt zu haben. Wahrhaftig, anders geht es heute nicht, wenn der Mut nicht sinken soll”.
Dritter Schritt.
Wenn wir also die Höhe des Sehens durch die Reflexion und die Ruhe durch die michaelische Stimmung und das Sich‑Anvertrauen an das Weltenlenken erreicht haben, können wir den dritten Schritt tun – von dort, von der Höhe aus, unsere Problemsituation überblicken und nun in neuer Qualität, in neuer Perspektive jene Faktoren der äußeren Situation erkennen (wir bemerken: bisher haben wir nur mit inneren Faktoren gearbeitet), die uns in solche Verwirrung und Verzweiflung gebracht haben.
Das kann der dritte Punkt sein — die Betrachtung der Faktoren der äußeren Situation.
Vierter Schritt.
Im vierten Schritt tun wir das Wichtigste — wir führen die Identifikation durch. Hier ist es sehr wichtig zu verstehen, dass im Grunde genommen zwei große Kräfte in der Situation wirken. Faktoren kann es natürlich viele geben, aber im Wesentlichen gibt es zwei Kräfte — die luziferische und die ahrimanische. Daher führen wir im vierten Punkt die Identifikation durch: welche feindlichen Faktoren den luziferischen Kräften angehören und welche den ahrimanischen.
Fünfter Schritt.
Mit jedem Schritt entsteht immer mehr Ruhe, immer mehr Gegenwart des Geistes, immer mehr Gewissheit, wie es in der Ergebenheitsgebet heißt, in ihrer guten Wirkung.
Und dann richten wir im fünften Punkt unseren Blick auf die unheilvollsten Kräfte. Das heißt: in jeder Situation gibt es immer, sozusagen, einen „guten und einen bösen Polizisten“. Aber der gute — er ist überhaupt nicht gut, er ist dennoch ein Polizist. Alles, was sich hinter der Maske des Guten verbirgt — das ist in Wirklichkeit Luzifer, und das, was als Böses erscheint — das ist das Böse höherer Ordnung, das ist Ahriman.
Im fünften Punkt richten wir unseren Blick auf die bösen Kräfte und erkennen ihre Natur und ihre Absichten: warum sie rechtmäßig aufgetreten sind, warum sie mit kosmischer Notwendigkeit in dieser konkreten Situation aufgetreten sind. Oder, einfach gesagt: warum es gut ist? Warum ist es gut, dass sie gekommen sind? Und im Gegenteil: es wäre sehr schlecht, viel schlimmer, wenn sie gerade nicht gekommen wären.
Oft erscheint das völlig undenkbar. Was soll denn hier gut sein? Das ist doch ein einziger Schrecken! Aber dennoch — gerade das ist gut, so seltsam es auch klingt.
Wer diese Technik viele Male praktiziert hat, hat diesen Zustand als den unheilvollsten erlebt, weil sofort die Gefahr besteht, sich in ein dressiertes Kaninchen zu verwandeln.
Einstufung des Teilnehmers:
Das Schwierigste ist die innere Willensanstrengung. Das heißt: dasjenige, was sich dir als schlecht einprägt. Man muss durch eine Willensanstrengung in die Reflexion treten, was in diesem Augenblick sehr schwer ist, sich beruhigen und dann durch eine Willensanstrengung all diese Schritte durchlaufen.
Hier ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass du diese Situation noch vor der Geburt geplant hast, dass sie für deine Entwicklung notwendig ist und dass in ihr eine gute Wirkung liegt. Aber dieses Gute kann nur dann gut werden, wenn du es erkennst. Wenn du aber glaubst, dass das Geschehende etwas Schlechtes ist, dann wird es auch schlecht, und das Gute, das in ihm enthalten ist, verflüchtigt sich sofort, verdampft wie ein Geist. Es ist ja etwas, das man nicht greifen kann.
Alles hängt vom inneren Zustand der Seele ab, davon, ob du das Geschehende als gut erleben kannst und zulassen kannst, dass es tatsächlich gut ist. Durch eine Willensanstrengung überwindest du die Schwere der Erkenntnis, dass es gut ist, und kannst dann den nächsten Schritt tun — entschlüsseln, wie man es gut macht, wie man diese Situation richtig erlebt, damit das Gute tatsächlich eintritt. Denn die Situation lässt einen noch nicht los. In diesem Moment tritt sie erst heran.
Ich spreche nur von den inneren Gefühlen und den Schritten, die notwendig sind, um dazu zu gelangen.
Alles geschieht nicht von selbst, selbst wenn du weißt, dass es gut ist. Das Schwierigste ist — daran zu glauben, denn äußerlich bist du völlig entgegengesetzt gestimmt. Hier erwacht der wahre menschliche Wille. Er befreit sich von Ahriman und Luzifer.
Das heißt: der Mensch zieht gewissermaßen jenen Willen zu sich zurück, den Ahriman und Luzifer bereits ergriffen haben und mit dem sie den Menschen auf Spannungen halten. Entweder dorthin oder dahin. Entweder fällt man in eine Extreme oder in die andere. Aber diesen Willensimpuls in sich zu sammeln und mit diesem Willensimpuls das Äußere durch den eigenen inneren Zustand zu verwandeln — das ist die Aufgabe.
Zu entschlüsseln, warum es gut ist, dass diese Situation gekommen ist — das ist der nächste, noch schwierigere Schritt.
Natürlich ist dies die schwierigste Frage: Was soll denn hierbei Gutes sein? Was kann gut sein, wenn etwas Schreckliches mit dir geschieht? Doch gerade durch die Antwort auf diese Frage verwandeln wir das Schreckliche tatsächlich in das Gute und halten dadurch das Schreckliche an. Wenn wir diese Frage jedoch nicht beantworten, dann wird tatsächlich etwas Schreckliches geschehen.
Wir bemerken, dass dies keine Selbstsuggestion ist, keine psychologischen Tricks, bei denen der Mensch einfach den Kopf in den Sand steckt, um das Schlechte nicht zu sehen, und sich einredet, dass alles gut sei oder Ähnliches. Es ist ein reales Erkennen des Wesens des Bösen und jener göttlichen Grundlage, die in der Welt wirkt.
Im fünften Punkt erkennen wir, warum das Böse, das durch das unmittelbare Wirken der bösen Kräfte kommt, in dieser Situation vollkommen notwendig ist. Nicht einfach für die gesamte Weltenentwicklung, allgemein gesprochen, sondern gerade in dieser konkreten Situation. Denn das Böse ist genau in diese konkrete Situation eingetreten. Es ist ja nicht der ganze Ahriman eingetreten, sondern nur ein Impuls von Ahriman, und nicht in die ganze Welt, sondern genau in diese Situation. Warum ist es gerade hier gut?
Sechster Schritt.
Dann wenden wir unseren Blick in die entgegengesetzte Richtung (sechster Punkt): auf welches Übel dieser Schlag gerichtet war. Nicht die Finger zwischen Hammer und Amboss stecken, sondern verstehen, was genau dort geschehen ist.
Und ebenso: welche Mängel in uns durch diesen Schlag ausgerottet werden müssen, die im Grunde genommen diesen Schlag provoziert haben?
Man kann sagen, dass eine Wunde die Entstehung einer Infektion provoziert, obwohl in der Wunde selbst (dem Schnitt) die Infektion noch nicht vorhanden ist. Das heißt: einerseits gibt es die äußere Infektion, andererseits gibt es den Schnitt, der geheilt und geöffnet werden muss. Der Schnitt ist die Wunde selbst, und die Infektion ist dasjenige, was in die Wunde eindringt.
Der siebte Schritt.
Und wenn klar wird, was im fünften und sechsten Punkt getan wurde, dann werden im siebten Punkt die entscheidenden Handlungen vollzogen und es kommt zu ihrer gegenseitigen Aufhebung.
Dank des fünften und sechsten Punktes kann man tatsächlich die goldene Mitte einnehmen und aus dieser Stellung der Mitte heraus gleichzeitig das eine und das andere im gegenseitig aufhebenden Wirken erleben.
Nun, da wir die sieben Punkte aufgeschrieben haben, kann man sagen, dass diese moralische Technik der „Goldenen Mitte“ zur Methode wird. Und wenn diese Methode kultiviert wird und viele Präzedenzfälle schafft, dann wird die Zeit kommen, in der sie zur moralischen Technologie wird.

Didaktisches Material
Rudolf Steiner, GA 157, «Menschenschicksale und Völkerschicksale», 12. Vortrag, 10 Juni, 1915:
«Über dieser plastischen Gestalt wird das ganze Motiv malerisch dargestellt sein; man wird beides nebeneinander sehen können und einsehen, wie nach der Verschiedenheit der Künste die Malerei nicht in derselben Weise das geben kann, sondern alles, alles anders sein muß in der Ausgestaltung.
Dasjenige, was ich hervorheben will, ist das Folgende: Etwas ganz Wesentliches wird sein, daß wir bildhauerisch herausbekommen die Handbewegung der Hauptgestalt, diese Hinaufbewegung der linken Hand nach oben und die andere Handbewegung nach unten. Denn das, was jeder beim ersten Blick als selbstverständlich empfinden könnte, daß die Hauptfigur mit der Linken nach Luzifer hinauflangt und durch seine Ausstrahlung dem Luzifer die Flügel bricht und mit der Rechten dem Ahriman die Goldadern umwindet, das muß vermieden werden, und zwar gerade aus dem Grunde, weil wir, besonders in unserer Zeit, durch die Geisteswissenschaft erst daran sind, den Christus wirklich zu begreifen.
Der Christus ist weder ein Hassender noch ein ungerecht Liebender. Er streckt nicht die Hand aus, um dem Luzifer die Flügel zu brechen, sondern der Christus ist derjenige, der die Hand ausstreckt, weil er es muß aus seiner inneren Wesenheit heraus. Er zerbricht nicht dem Luzifer die Flügel, aber Luzifer oben verträgt nicht das, was von dieser Hand ausstrahlt und bricht sich selbst die Flügel. Es muß daher in der Gestalt des Luzifer ausgedrückt werden, daß ihm nicht von dem Christus die Flügel gebrochen werden, sondern daß er sich selbst die Flügel bricht. Es ist im Leben eine häufige Erscheinung, daß Menschen, die in der Umgebung von guten Menschen leben, es nicht aushalten können, weil sie sich durch das, was von guten Menschen ausgeht, unbehaglich berührt fühlen. Luzifer fühlt in seinem Innern etwas, was macht, daß er sich selber die Flügel bricht. Selbsterkenntnis in Luzifer, Selbsterlebnis ist dies. Ebenso in Ahriman. Christus tut den beiden nichts, so daß weder die linke noch die rechte Hand so ausgestreckt ist, als wenn er dem Luzifer oder Ahriman etwas täte. Er tut ihnen nichts, sondern sie tun sich selbst, was mit ihnen geschieht.»