Der «umgekehrte Kultus» - Artikel von Ilona Metz
Anthroposophie und Zeitgeschehen Nr. 107 / Jg.10 / 1. Juli 2026
Der «umgekehrte Kultus» Ilona Metz Individuelles Erringen, Geisteswirklichkeit, neue Ebene der Gemeinschaftsbildung und Zukunftskeime
Inhalt
Bedeutung
Der kosmische Kultus
Der Mensch als Weltenwesen
Neue Gemeinschaftsbildung
Die Aufgabe Mitteleuropas
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Bedeutung

Wir stehen an einer Welten-Zeiten-Wende.
Als die frühe Menschheit noch ein natürliches Hellsehen . besaß, lebte sie gleichsam wie selbstverständlich unter Göttern und im Wahrnehmen des Götterwirkens. Dann klang das allmählich ab, und es wurden Wege, Myste-rienwege gefunden, um den Kontakt mit den geistigen Welten zu erhalten, eine Art Rückversetzung in den vor-herigen Zustand spielte auch bei der Entstehung des Yoga eine bedeutsame Rolle.
Vor allem die westliche Menschheit ging in den letzten Jahrhunderten zunehmend durch einen Zustand völli-ger Bewusstseins-Abgeschlossenheit von der Welt der übersinnlichen Hierarchien. Dadurch errang sie sich ihr eigenes Ich-Bewusstsein. Wären die Menschen in dem alten Zustand verblieben, in welchem sie wahrnahmen, wie der Engel in ihnen denkt, wie andere hierarchische Wesen die Vorgänge in ihrem Organismus steuern, dann wären sie nicht frei geworden.
Jetzt aber steht die Menschheit in der Gefahr, durch den abstrakten Intellektualismus die Wirk-lichkeit zu verlie-ren und ins Untermenschliche abzusinken. Erstaunlich rasch nach Ende des «Finsteren Zeitalters» 1899 erfolgte die neue Offenbarung und damit die neue Öffnung zum Geiste hin. Mit den Fähigkeiten des errungenen Selbstbe-wusstseins, des Bewusstseins der individuellen Ich-heit, soll nun ein neuer Geistbezug, in Freiheit und Bewusst-heit, der Menschenseele die Möglichkeit geben, ihr wah-res Wesen nach und nach zu erfassen und ihren Erdenweg entsprechend zu gestalten.
Hat sich bis hierhin der schon teilweise in die Deka-denz gehende alte Kultus, der noch in den vergangenen Mysterien wurzelt, fortgesetzt, ein Kultus, bei dem der Priester für die Gemeinde die Engel, die Wesen des Him-mels herunterbittet auf den Altar und die Transsubstan-tiation mit Brot und Wein vollzieht, so ermöglicht nun der neue Weg der Geisteswissenschaft eine Entwicklung der Bewusstseinskräfte zur individuellen Durchführung eines entsprechenden geistigen Geschehens. Wenn un-ser erstorbenes Abbilddenken, das in der gegenwärtigen Wissenschaft nur die gewordene Natur nachvollzieht im Denken, sich umwandelt, sich belebt in den höheren gei-stigen Erkenntnisstufen von Imagination, Inspiration und Intuition, und damit der Mensch mit dem neu errunge-nen wachen Selbstbewusstsein den Wiederaufstieg von der gewordenen, ins Ersterben gegangenen Außenwelt zu den webenden schaffenden Kräften und Wesenheiten der Geistwelt beschreitet, sich so verbindet und erfüllt mit den wahren Welten-Werde-Kräften und damit den Stoff, der zur Ruhe gekommener, erstorbener Prozess ist, wie-der in Geschehen, in Geist-Geschehen zu wandeln ver-mag, dann vollzieht er die Real-Verbindung mit der Göt-terwelt in sich selbst, in seinem Bewusstseinsgeschehen.
Man kann sich vorstellen, dass bestimmten Kreisen, die es bisher als Machtfaktor verwendet haben, die Be-ziehung zwischen Mensch und Götterwelt in gewissem Sinne zu «vermitteln», zu regeln und damit nach ihren Zwecken und Zielen zu lenken, alles daransetzen, eine solche Entwicklung zu verhindern. Der Vortrag über den umgekehrten beziehungsweise kosmischen Kultus fällt gewiss nicht zufällig zusammen mit der Brandnacht des ersten Goetheanum. Die Verwandlung des Menschheits-abstiegs in den Wiederaufstieg, der von der individuellen Menschenseele ergriffen werden kann und muss, hat be-gonnen mit der Christustat auf Golgatha und wird nun fortgesetzt – auf der Grundlage dessen, was die mittel-europäischen Geistesringer vorbereitet haben – durch die Geisteswissenschaft, die Anthropo-Sophia, die in unsere Erdenwelt hereingeleitet, hereinbegabt wurde durch Ru-dolf Steiner an dem Wendepunkt vom fünftausend Jah-re währenden Finsteren Zeitalter zum Lichten Zeitalter. Wir gewahren das Widerstreben der alten Erdenkräfte, ein mächtiges Widerstreben. Aber hier und jetzt ist die Vorbereitung, die Keimlegung für eine neue Mensch-heitszukunft, für den Wiederanschluss an ihre geistige Wirklichkeit. Wir stehen an einem Neuanfang und müs-sen erleben, wie umkämpft die Menschenseele ist, deren die Gegenkräfte sich bemächtigen und sie zurückhalten wollen. Wir haben erhalten den Weg des Wiederaufstie-ges, und wenn wir ihn nicht ergreifen, dann gehen, ohne dass wir es merken, die dafür freigewordenen Kräfte an die Gegenmächte der Menschheitsentwicklung.
Werden wir uns bewusst der Größe dessen, was uns da gegeben ist als Möglichkeit: Ein Jahrtausende währen-der, aber in die Dekadenz geratener alter Kultus, der noch einen Anteil von Gruppenseelenhaftigkeit in sich trägt, wird umgewendet, der Freiheit und dem Bewusstsein des individuellen Menschenwesens als Möglichkeit, als Göt-tergnadengabe dargereicht, damit der Mensch sein wah-res Wesen nach und nach in sich zum Erklingen bringen kann. So will es errungen werden.
Neue Gemeinschaften in diesem Sinne, in diesem selbst-losen Einlassen der Geistigkeit auch des anderen Men-schen, wollen sich bilden.
Über beides sei nun Näheres ausgeführt.
Der kosmische Kultus
Über den kosmischen Kultus findet sich die einzige so klare Stelle im Vortrag vom 31.12.1922 in GA 219
«Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt. Die geistige Kommunion der Menschheit».
Der Anfang des Vortrages ist eine Hinführung, auf die ich nur andeutend eingehen will: Was in der äußeren Natur wie auseinandergelegt ist, Winter und Sommer, haben wir im Menschen gleichzeitig. Im Schlafzustand befinden sich physischer und Ätherleib in der Sommer-wirkung, der Verbrauch und Abbau vom Tage werden ausgeglichen, Astralleib und Ich sind davon getrennt in Winterwirkungen, in geistigen Wirkungen. Im Wachzu-stand ist es umgekehrt. Immer aber haben wir beides, wie Waagebalken, die ausgeglichen sind und in deren Mitte sich der Ruhepunkt befindet. Und dieser ist der Punkt des Ausgleichs der Naturwirkungen und damit der mensch-lichen Freiheit davon, der menschlichen Selbständigkeit. Die Naturwirkungen heben sich gegenseitig auf. Da kann das Geistig-Seelische des Menschen unbeeinflusst von den Naturwirkungen eingreifen.
Was unseren physischen und ätherischen oder vegetabili-schen Leib in der Nacht pflegt, das sind Nachklänge und Wirkungen aus dem Vorgeburtlichen, aus der Vergangen-heit. Gegenwart haben wir nur im Geistig-Seelischen. Der physische und ätherische Organismus sterben, unser Zukunftsleben wird allein gesichert durch unsere über-sinnliche geistig-seelische Organisation, die nach einem Aufenthalt in der Geistwelt sich zur Wiedergeburt berei-tet. Nur Astralleib und Ich sichern die Möglichkeit von Zukunftskeimen. Und hier kommen wir zum Wesentli-chen:
Unsere mineralisch-vegetabilische Erde ist zwar umge-ben von einer seelisch-geistigen Hülle, aber diese greift nicht in sie ein. So wäre sie zum Sterben verurteilt, wenn nicht der Mensch ihr das gibt, was sie selbst nicht hat.
«Soll daher die äußere Natur nicht ersterben, dann muss ihr das gegeben werden, was der Mensch durch seinen astralischen und Ich-Leib hat. Das heißt, da er durch seinen astralischen und Ich-Leib selbstbewusste Vorstel-lungen hat, so muss der Mensch, wenn er der sonst er-sterbenden Erde die Zukunft sichern will, dasselbe in sie hineinstellen, was in ihm übersinnlich-unsichtbar ist… Das, was nicht von selbst da ist auf der Erde, das sind die wirksamen Gedanken des Menschen, die in seinem durch den Gleichgewichtszustand von der äußeren Natur un-abhängigen Organismus leben und weben. Verwirklicht er diese selbständigen Gedanken, dann gibt er der Erde Zukunft. Aber dazu muss er sie erst selber haben, diese Gedanken, denn alle Gedanken, die wir uns machen über das, was ersterbend in der gewöhnlichen Naturerkennt-nis ist, sind Spiegelgedanken, sind keine Wirklichkeiten. Die Gedanken aus der Geistesforschung werden belebt durch Imagination, Inspiration, Intuition. Nehmen wir sie auf, dann sind sie selbständig im Erdenleben existie-rende Gebilde.»
Was heißt das – selbständig … existierende Gebilde? Wir betreten hier eine völlig andere Gedankenwelt als die ge-wohnte ist, eine Welt, in der Gedanken Wirklichkeiten sind, schaffende Wirklichkeiten, Zukunftskeime.
Die Gedanken aus der Geisteswissenschaft erfassen nicht nur das Gewordene und Erstorbene, sondern ver-binden sich durch Imagination, Inspiration, Intuition demjenigen, was bildhaft oder bildend, was erklingend schaffend, was wesenhaft wirkend in der unsichtbaren Welt webt, das auch unsere Welt einst gewoben hat und in dem der Keim für die Zukunft liegt, wenn wir es er-kennen.
«Dieses Denken stellt dar die geistige Form des Kom-munizierens der Menschheit. – Denn indem der Mensch sich überlässt seinen Spiegelgedanken über die äußere Natur, wiederholt er nur die Vergangenheit, lebt er in Leichnamen des Göttlichen. Indem er seine Gedanken selber belebt, verbindet er sich durch seine eigene Wesenheit, kommunizierend, die Kommunion empfangend, mit dem die Welt durchdringenden, ihre Zukunft sichernden Göttlich-Geistigen.
So ist spirituelle Erkenntnis eine wirkliche Kommuni-on, der Beginn eines der Menschheit der Gegenwart gemäßen kosmischen Kultus, der dann wachsen kann dadurch, dass der Mensch nun gewahr wird, wie er seinen physisch-mineralischen und seinen vegetabi-lischen Organismus mit seinem astralischen und Ich-Organismus durchzieht, wie er dadurch, dass er in sich selbst den Geist lebendig macht, nun auch in das, was sonst als Totes, als Ersterbendes ihn umgibt, den Geist hineinbannt.»
Kommunion – heißt das nicht, das Göttlich-Geistige empfangen, das Göttlich-Geistige in sich aufnehmen? Zusammenkommen? Sei es nun im Bilde von Brot und Wein, sei es rein geistig durch die Geistgedanken, die sich zum Göttlichen erheben und sich diesem verbinden.
Und wenn der Mensch die Gedanken der Geisteswissen-schaft aufnimmt, kann er zu dem Erleben kommen, «dass wenn er auf seinen in festem Zustand wirkenden Orga-nismus hinsieht, er sich in diesem verbunden fühlt mit der Sternenwelt, insofern sie ruhendes Wesen ist.» Und der Säftestrom, der Blutstrom, der bewegt wird durch den ätherischen Organismus, steht in Zusammenhang mit den Sternentaten, mit der Bewegung der Planeten. «Aber so, wie es im unmittelbaren Anblicke ist, ist das eine tote Welt. Der Mensch wandelt sie von seinem ei-genen Geistigen aus, wenn er von seinem Geistigen der Welt mitteilt, indem er die Gedanken belebt zur Imagina-tion, Inspiration, Intuition, indem er die geistige Kom-munion der Menschheit vollführt.» Die kosmischen Wesen sind zwar die schaffenden, aber sie können sich nicht erkennen, dazu braucht es den Menschen. Wenn aber der Mensch in seinen Gedanken erfasst das Wesenswirken, fügt er zu dem Gewordenen den Geist hinzu. Dieser erweiterte Blick auf die Welt lässt ihn dann ganz anders denken und handeln, wandelt sein Wollen, wandelt sein Fühlen, kann ihn zum Einklang mit den kosmischen Wesen führen.
Um dahin zu gelangen, muss der Mensch zuerst ein Be-wusstsein davon entfalten, ein Bewusstsein, das immer lebendiger sich gestalten und sein Leben durchdringen muss, «dann findet der Mensch immer mehr und mehr den Weg zu dieser geistigen Kommunion.»
Rudolf Steiner gibt nun ein Spruchwort, das helfen kann, das in der Vergangenheit Erstorbene, Tote, wieder zu be-leben, ihm neues Leben zu schaffen, damit aus seiner
«Totheit das Leben der Zukunft werden kann.» Dazu ist erforderlich, dass man sich in rechter Weise der Bezie-hung des Menschen zum Kosmos bewusst wird.
Wenn wir mit unserer Erdennahrung die Gebilde der Erde aufnehmen, so nehmen wir darinnen auf, was durch den Himmel, durch die Sterne, durch die kosmischen Wesen gewirkt wurde, wir nehmen in unserer Nahrung kosmi-sches Wirken auf. «Wir nehmen das Sternenwesen, das Himmelswesen in uns auf mit dem Stoff der Erde, der im Erdenwirken enthalten ist.
«Es nahet mir im Erdenwirken In Stoffes Abbild mir gegeben, Der Sterne Himmelswesen:
Ich seh im Wollen sie sich liebend wandeln.»
Nun aber ist es so, dass im Menschen der Erdenstoff zu-nächst vernichtet werden muss, um dann dem Ich-Men-schen, der Ich-Organisation gemäß gestaltet zu werden für den Organismus. Unser physisch –ätherischer Orga-nismus aber gibt die Grundlage für das Wirken der astra-lischen und der Ich-Wesenheit, die darin inkarniert sind. Und auf dieser Grundlage kann das Erdenbewusstsein im Wachzustand entfaltet werden mit seiner abbauenden Tä-tigkeit, seiner geistbefreienden Tätigkeit.
«Aber wir müssen uns bewusst sein, dass wir als Men-schen in unserem Wollen, in unsrem von Liebe durch-zogenen Wollen dasjenige, was Stoff geworden ist, in Geist zurückverwandeln, eine wirkliche Transsubstan-tiation vollziehen, wenn wir uns unseres Darinnenste-hens in der Welt bewusst werden, so dass das gedank-lich-geistige Leben in uns lebendig wird.»
Ein weiteres betrifft dasjenige, was wir in unseren Flüs-sigkeitsorganismus aufnehmen, so dass es den Blut-, den Säftekreislauf durchdringt. Dieses ist nun nicht Abbild von der Sterne Wesen, sondern es ist Wirkung, Auswir-kung von der Sterne Taten, das heißt der Bewegungen der Planeten. Auch dieses kann vergeistigt werden.
Wie wir bei der festen Formgestalt das Abbild der Ru-hesterne, insbesondere des Tierkreises haben und dieses gleichsam als Schöpfung der ersten Hierarchie im Wollen und in Liebe vergeistigt werden kann, so haben wir bei den Planetenbewegungen die Wirkungen, die Taten der folgenden Hierarchie, in welcher die Geister der Weisheit die oberste Stellung einnehmen. Ist nicht unser Ätherleib aus Weisheit gewoben? Dahinein greift das Astralische mit den Empfindens- und Fühlenskräften. In einem objektivierten Fühlen erschaffen wir uns ein wichtiges Wahrnehmungs- und Beurteilungsorgan für die Vorgänge der Welt.
«Es dringen in mich im Wasserleben In Stoffes Kraftgewalt mich bildend, Der Sterne Himmelstaten.
Ich seh’ im Fühlen sie sich weise wandeln.»
«Während ich der Sterne Wesen und Weben im Wollen sehen kann, wie es sich liebend wandelt in den spiritu-ellen Gehalt der Zukunft, so sehe ich im Fühlen sich weise wandeln dasjenige, was mir hier auf der Erde gegeben wird, indem ich in dem, was meinen Säfteor-ganismus durchdringt, aufnehme das Abbild der Him-melstaten. So hineingestellt kann der Mensch wollend und fühlend sich erleben.» –
Was aber ist das für ein Wollen, das hier gemeint sein kann? «Hingegeben an das Allwalten des ihn umge-benden Weltendaseins, des kosmischen Daseins, kann er erleben dasjenige, was durch ihn ausgeführt wird in dem großen Tempel des Kosmos als Transsubstantia-tion, indem er opfernd darinnensteht in rein geistiger Art.»
Was ist das Opfer? Ist es das Zurückstellen der eigen-süchtigen Selbstheit zugunsten der Hingabe an den gött-lich-geistigen Werdestrom?
«Was sonst nur abstrakte Erkenntnis wäre, wird zu ei-nem fühlenden und wollenden Verhältnis zur Welt.» Fühlen und Wollen müssen mit dem verwandelten Den-ken zusammenwirken.
So kommen wir zu einem neuen Ausgangspunkt von entsprechendem Tatenwesen. «Die Welt wird zum Tem-pel, die Welt wird zum Gotteshaus. Der erkennende Mensch, sich aufraffend im Fühlen und Wollen», so dass es nicht eine Kopferkenntnis bleibt, sondern eine Herzens- und Tunserkenntnis werden kann, er wird zum opfernden Wesen. Das Grundverhältnis des Menschen zur Welt steigt auf vom Erkennen zum Weltenkultus, zum kosmischen Kultus. Dass all dasjenige, was unser Verhältnis zur Welt ist, zunächst sich als kosmischer Kultus erkennt im Menschen, das ist der erste Anfang dessen, was geschehen muss, wenn Anthroposophie ihre Mission in der Welt vollziehen soll.»
Der erste Anfang! Wo stehen wir? – die Vorläufer der Vorläufer, wie es Rudolf Steiner an einer Stelle nennt.
Und er weist uns an «…wie wir aus der Vergangenheit heraus suchen sollen die Zukunft, wie wir wissen sollen, die Zukunft zu schaffen, um das Geistige zu schöpfen» und betont, «dass wir das Leben aus unserer eigenen Tat-kraft suchen müssen.» Denn das sprießende Leben der Außenwelt enthält den Tod in sich. Nur aus dem, was vom Menschen geschaffen wird, indem er sich, sein Ei-genwollen opfernd, hineinstellt in den kosmischen Zu-sammenhang des Werdens, kann der Keim der Zukunft gebildet werden in gleichsam kultischem Geschehen.
Wir haben hier die Stufen des Kultus: Die Aufnahme von geistigem Inhalt und die Belebung des Denkens durch Imagination, Inspiration, Intuition. Das ist nur möglich durch das Zurücklassen, die Opferung des nie-deren Selbst, dieses muss schweigen. So kann Wand-lung stattfinden zu den Geistgedanken und damit auch Transsubstantiation der erstarrten Stofflichkeit in Geist-Geschehen. Die durch Imagination, Inspiration und intui-tives Berührtwerden verwandelten Gedanken führen zu einer wahren geistigen Kommunion und ermöglichen ein Neu-Erfassen und eine Neu-Belebung zu einem erneu-erten Wirken der erstorbenen Welten-Werde-Kräfte für Künftiges.
Der individuelle Mensch selbst wird zum Vollzieher des kosmischen Kultus, aus freier Hingabe an die kosmisch-irdische Wirklichkeit des Menschseins, was gleichzeitig eine Überwindung des Sündenfalles, der Sonderung vom Weltengeist, darstellt. Damit ist dem Menschen der Weg eröffnet zu seinem wahren Selbst und zum Erlangen einer hierarchischen Stufe im Kosmos, sozusagen der Rück-weg vom Irdischen in die Geistwelt mit errungenen neu-en Kräften und Fähigkeiten, mit errungenem Selbst- und Ich-Bewusstsein.
Mit keinem Wort wird in dem Vortrag vom 31.12.1922 der Christus erwähnt. Welche Rolle spielt der Christus bei diesem Weg?
Einmal sagt Rudolf Steiner sinngemäß, wir tun eigentlich gar nichts anderes in der Anthroposophie als die Spra-che des Christus zum Ausdruck zu bringen, in die Welt hereinzustellen. Ohne den Christus wäre dieser Wieder-aufstieg nicht ermöglicht worden, die Menschen hätten verloren den Bezug ihres (niederen) Ich zum Geist, wä-ren versunken in der materiellen Welt. Der Christus aber hat sich verbunden mit dem Erdensein. Webt er nicht in allem, was da geschieht, insbesondere an geistigem Stre-ben? Ist die Anthroposophie nicht geradezu sein Weg für uns? Der kosmische Kultus gleichsam der Übergang von einem mehr Gruppenseelenhaften im kirchlichen Kul-tus zur Individualseele, in die nun der Christus nach und nach einzuziehen vermag? Und nur, was wir in der eige-nen Seele verwirklichen, ist auch das, was in der Zukunft uns weiterführen wird.
Der Mensch als Weltenwesen
Man kann sich fragen: Was meinen diese Worte: «Ich seh’ im Wollen sie sich liebend wandeln.» Und: «Ich seh’ im Fühlen sie sich weise wandeln.» – Wer wandelt sich? Was kann der kleine Erdenmensch zu einer solchen Wandlung kosmischen Wirkens beitragen?
In einem Vortrag vom 6. Juli 1915 in Berlin, GA 157, leuchtet Antwort auf zu dieser rätselvollen Formulierung, anschließend an die Fragestellung, was der Mensch wirk-lich ist – denn mit seinem Bewusstsein umfasst er nur einen Ausschnitt, einen eher kleinen Teil der Wirklichkeit seines Lebens. Was wären wir, müssten wir all die Funk-tionen unserer Organe tagtäglich bewusst durchführen?
«Unser bewusstes Dasein als Mensch beginnt ja in ei-ner gewissen Beziehung durch unsere Sinneswahrneh-mungen, durch das, was wir mit unseren Sinnen an der Außenwelt wahrnehmen.» Doch vieles, was unsere Sinne wahrnehmen, kommt uns gar nicht zum Bewusstsein. Beispielsweise sind unsere Ohren in der Nacht nicht aus-geschaltet, aber wir schlafen, haben kein Bewusstsein davon. Hat denn diese Wahrnehmungsfähigkeit unserer Sinne nur eine Bedeutung «für uns als Erdenmenschen oder hat das noch irgend eine andere Weltbedeutung»? Diese Frage, sagt der Geisteslehrer, kann man nur be-antworten, wenn wir zunächst fragen: Was ist das Licht, durch das die Sonne leuchtet, die Sterne leuchten? Dann ergibt sich dem hellsehenden Bewusstsein, dass das Licht der Weltenkörper «eigentlich in der Wahrnehmungsfä-higkeit… von Wesen besteht». Und wenn ein Wesen von der Venus oder dem Mars die Erde leuchten sähe, dann könnte es wissen, dass da wahrnehmende Wesen auf der Erde sind, von deren Wahrnehmungsfähigkeit das Leuch-ten ausgeht.
«So hat in der Tat jedes unserer Sinnesorgane die Auf-gabe, nicht nur das zu sein, was es für uns ist, sondern hat außerdem eine Weltaufgabe. Der Mensch ist durch seine sinnliche Wahrnehmung ein Weltenwesen.»
Gehen wir nun zur nächsten Seelenfähigkeit, dem Den-ken. Der Mensch weiß zwar einiges von dem, was er als Inhalt denkt, aber sehr wenig von dem komplizierten Geschehen, das beim Denken vorgeht, er hat auch kein Bewusstsein davon, dass das Denken im Schlafe nicht aufhört. «Das Denken ist eigentlich ein Vorgang unseres Ätherleibes.» Und wenn der Mensch am Morgen mit sei-nem Astralleib und seinem Ich wieder eintaucht zunächst in den Ätherleib und gleich darauf in den physischen Leib, taucht er zunächst unter wie in ein Gewoge, in we-bendes Leben, in «ein Meer, das nur aus webenden Ge-danken besteht.» Aber der physische Leib verhüllt ihm das.
«Unser Vorgang des Sehens bewirkt das Leuchten, da sind wir kosmische Raumesmenschen. Durch das, was im Denken sich vollzieht, sind wir kosmische Zeitenmen-schen, da wirkt alles mit, was schon vor unserer Geburt geschehen ist, was nach unserem Tode geschieht und so weiter.» Deshalb hat der Zwischenzustand des Träumens, bei dem etwas von diesem Gewoge an die Oberfläche kommen kann, prophetischen Charakter.
Vom Fühlen haben wir noch viel weniger als vom Denken und der Sinneswahrnehmung in unserem Bewusst-sein. «Es ist ein tiefer, tiefer Prozess.» Will man die wah-re Natur des Denkens kennenlernen, dann muss man es seiner irdischen Abstraktheit entziehen und muss sich er-heben zur imaginativen Anschauung, zur Welt der Bilder, die hinter allem stehen, welche die Ursache von allem sind. «Und in diese Bilder tauchen wir ein, wenn wir in das Meer des Denkens eintauchen… dieses imaginati-ve Denken ist eine Wirklichkeit, und darin tauchen wir ein, wenn wir in das wogende, im Strom der Zeit dahin-gehende Denken eintauchen.
In das Fühlen versenken wir uns erst, wenn wir zur sogenannten Inspiration kommen, die die höhere Art der Erkenntnis ist gegenüber der Imagination. Alles das, was unserem Fühlen zugrunde liegt, ist eigentlich ein Gewoge von Inspirationen.» Aber wir nehmen die-se nicht unmittelbar wahr, sondern wie in einem Spiegel werden sie von unserem Organismus zurückgeworfen und erscheinen – gleichsam des Lebens entkleidet – als Fühlen. So sind unsere Gefühle ein Spiegelbild der In-spirationen, durch die sich kundtun die höheren Hierar-chien. «Denn in jedem dieser Bilder spiegeln sich die Eigenschaften der höheren Hierarchien, die sich in der Welt aussprechen durch Inspiration. Und so wie wir nicht bei Gefühlen stehenbleiben, sondern fortschreiten zum hellhörenden Erkennen, nehmen wir wahr die Welt, wie sie zusammenwirkt aus einer großen Mannigfaltig-keit von lauter Wesen der höheren Hierarchien. Die Welt ist diese Wesenheit, dieses Zusammenwirken der Wesen der Hierarchien. In der Welt geschehen die Taten der höheren Hierarchien. Und wir sind eingespannt, sind im Spiegel darinnen, und die Taten der höheren Hierarchien werden durch unseren Spiegel zurückgeworfen. Wir neh-men dieses Zurückgeworfene dann durch unser Bewusst-sein wahr. So leben wir im Schoße der Eigenschaften der Hierarchien als fühlende Menschen… dadurch, dass wir fühlende Menschen sind, sind wir auch Wesen der Hier-archien, wirken auch dadrinnen, wo die Hierarchien wir-ken. Wir wirken in diesem Gewebe, tun Taten, die nicht nur für uns sind, sondern durch die wir mitwirken an dem ganzen Aufbau der Welt. Wir sind durch unsere Ge-fühle Diener der die Welt bauenden höheren Wesenhei-ten.» Würden unsere Gefühle nicht da sein, dann «wür-den diejenigen Wesenheiten, die einstmals mitwirken sollen am Aufbau des Himmelskörpers Venus, nicht die Kräfte haben, die sie dazu brauchen. Unsere Gefühle sind notwendig für das Haus, das die Götter als Welt aufbauen, wie die Ziegelsteine, die verwendet werden zum Aufbauen des Hauses.» Wenn wir vor der Sixtini-schen Madonna stehen und daran Gefühle entwickeln, dann ist das nicht nur ein Vorgang in uns selbst, dann ist das «was da geschieht, Teil im Weltenganzen, ganz einer-lei, wie wir es mit unserem Bewusstsein begleiten.
Und wenn wir auf unser Wollen blicken, ist das auch wieder nur Spiegel, aber nun der Wesenheit der einzel-nen Mitglieder der Hierarchien. Wir sind ebenso ein Wesen der Hierarchien, nur auf einer anderen Stufe. Unsere Realität besteht in unserem Willen. Wir geben der Welt Substanz, indem wir unseren Willen irgend-wie in der Wirklichkeit leben lassen. Wieder ist es so: Dass wir unser Wollen mit dem Bewusstsein begleiten, das hat nur Bedeutung für uns als Menschen; daneben steht unser Wollen als Realität, das ist der Stoff für die Götter, um daraus die Welt aufzubauen.
Sie sehen, wie unsere Sinnenwahrnehmungen, unser Denken, Fühlen und Wollen kosmische Bedeutung haben, wie sie sich hineinfügen in das ganze kosmische Leben… es ist wirklich notwendig, dass eine größere Anzahl von Menschen einsieht, dass die Zeiten vorüber sind, wo man auskommen kann ohne diese Einsicht.»
Das alte Hellsehen musste erlöschen für die Ausbildung unseres Ich-Bewusstseins, denn das Denken, das wir sonst entwickeln würden, wenn wir «das ganze Gewoge unter dem Bewusstsein» sehen würden, «das würde ein himmlisches Denken sein, aber nicht das selbständige Denken.» Wir könnten nicht das Bewusstsein haben «Ich bin es, der denkt», sondern wir würden erleben, der mich beschützende Engel ist es, der denkt. Dieses Bewusstsein
«ich denke» ist nur möglich durch das Ergreifen des Er-denleibes. Darum ist es notwendig, dass im Erdenleben der Mensch fähig wird zum Gebrauche seines Erdenlei-bes.» Das wird der Mensch in der nächsten Zeit immer stärker tun müssen und ein gewisser berechtigter Egois-mus wird sich dadurch immer mehr verstärken. «Dem muss eben das Gegengewicht geschaffen werden da-durch, dass man auf der anderen Seite die Erkenntnisse gewinnt, die die Geisteswissenschaft gibt.»
Wenn das nicht geschieht, wenn diese Kräfte im Men-schen nicht gebraucht werden für das, was Zeitenaufga-be ist, dann wird die Entwicklung so verlaufen, dass der Mensch das, «was er sonst den regulären Göttern darrei-chen würde, Ahriman und Luzifer darreicht. Denn alles, was Sie in Ihrem Bewusstsein unterdrücken, reichen Sie Ahriman und Luzifer dar.»
So ist «ein kleiner Mensch da, der bewusste, und ein großer Mensch, die kosmische Realität.»
Und wenn wir nun zu unserer Ausgangsfrage zurückkeh-ren und uns vor die Seele holen die Worte:
«Es nahet mir im Erdenwirken In Stoffes Abbild mir gegeben Der Sterne Himmelswesen:
Ich seh’ im Wollen sie sich liebend wandeln.»
dann ist deutlich geworden, wie unser Wollen als Spie-gelung «der Wesenheit der Mitglieder der Hierarchien» kosmische Bedeutung hat. Wir sind einbezogen in den hierarchischen Kosmos und durch unser Wollen schaffen wir die Substanz, «den Stoff, um daraus die Welt aufzu-bauen.»
Und nehmen wir den zweiten Teil des Spruches:
«Es dringen in mich im Wasserleben In Stoffes Kraftgewalt mich bildend Der Sterne Himmelstaten. Ich seh’ im Fühlen sie sich weise wandeln.» Da können wir uns bewusst machen, wie unser Fühlen die Spiegelung ist «der Inspirationen, durch die sich kundtun die höheren Hierarchien», der Hierarchien, die Taten tun in der Welt, der Welt, die gleichsam ein Zusam-menwirken ist der Hierarchien. Und wir, in deren Schoß, spiegeln dieses Wirken in unserem Fühlen. Und ohne unser Fühlen erhalten diese nicht die Kraft, die sie zum Aufbau neuer Welten brauchen.
Das Weben zwischen Irdischem und Kosmischem wird deutlich – der kleine bewusste Mensch und die große kosmische Realität, bis hin zur Wiedervergeistigung der Erdenstoffe, der Transsubstantiation und der neuen be-wussten Verbindung des Menschen mit den Götterwesen des Kosmos, der Kommunion.
Seltsamerweise habe ich immer das Gefühl, es fehle noch ein dritter Teil des Spruches, und so habe ich stümperhaft und stammelnd einen solchen zu ergänzen versucht:
Es leben in mir die Weltgedanken und weben in Wahrheit
Am Urbild der Welt.
Ich seh’ in Dankbarkeit, wie sie mich leiten,
wie sie mich wandeln.
Neue Gemeinschaftsbildung
Kommen wir nun zu der Frage des «umgekehrten Kultus» im gemeinsamen anthroposophischen Arbeiten. Darüber spricht Rudolf Steiner in besonderer Weise in den Vorträ-gen vom 27. Februar 1923 in Stuttgart (1) und 3. März 1923 in Dornach (2), beide enthalten in dem Band «An-throposophische Gemeinschaftsbildung» GA 257. Im Folgenden zitiere ich abwechselnd aus den beiden Vor-trägen und verwende zur Kennzeichnung (1) oder (2).
Da der Mensch auf der Erde ohne den Mitmenschen nicht leben kann, besteht immer die Frage der Gemeinschafts-bildung. Es gibt alte und neuere Formen. Eine erste Form nach dem Hereintreten ins Erdenleben ist die Sprachge-meinschaft mit den umgebenden Menschen, später haben wir Erinnerungsgemeinschaften mit den Menschen, mit denen wir Gemeinsames erlebt haben in der Kinder-, der Schulzeit oder anderem. Die Gemeinschaftsbildung im religiösen Kultus beruht ebenfalls auf einer Art Er-innerung, nämlich der (meist unbewusst bleibenden) Erinnerung an das, was man in der zweiten Hälfte des nachtodlichen beziehungsweise vorgeburtlichen Daseins mit anderen erlebt hat. Der religiöse Kultus ist gleichsam ein Abbild von wirklichen vorgeburtlichen Erlebnissen.
«Wir haben, bevor wir zur Erde heruntergestiegen sind, zusammen eine Welt durchlebt, die hier im Kultus vor un-serer Seele auf Erden steht. Das ist eine mächtige Bin-dung, das ist ein wirkliches Hereinholen nicht nur der Bilder, sondern der Kräfte der übersinnlichen Welt in die sinnliche…
Eine solche Kraft braucht auch die Anthroposophische Gesellschaft, damit in ihr Gemeinschaftswesen auftauchen kann…» (1), aber sie braucht eine andere Form.
In der Zeit der Bewusstseinsseelenkultur braucht es noch eine andere Form der Gemeinschafsbildung. «Mit dem Erwachen der Bewusstseinsseele ist in dieser Beziehung ein neues Element hereingetreten ins Erdenleben des Menschen.» (2)
Wenn der Mensch sich nicht im Wachzustande befindet, sondern im Zustand des Träumens, dann ist er für sich alleine. «Er isoliert sich in seiner Traumwelt, noch mehr in seiner Schlafenswelt. Wachen wir auf, leben wir uns hinein in ein gewisses Gemeinschaftsleben.» Der Raum, die Vorstellungen davon entsprechen dem, was auch die Mitmenschen erleben. Unsere Beziehung zur Außenwelt verbindet uns in gewissem Sinne mit den anderen Men-schen. «Wir wachen auf an der äußeren Welt, dem Licht, dem Ton», den übrigen Sinneserscheinungen und auch an dem Äußeren des anderen Menschen, der Naturseite des Menschen.
«Wir wachen nicht auf – und das ist das Geheimnis des alltäglichen Lebens – als Mensch am Menschen, am tief-sten Inneren des Menschen, … an dem, was in den Tiefen der Menschenseele des anderen vor sich geht.» (1) Das ist ein höherstufiges Erwachen, wenn wir am Geistig-Seelischen des anderen Menschen aufwachen, wenn wir sein Geistig-Seelisches in uns fühlen, erkennen lernen, an seinem Erleben erwachen.
Wenn wir nur die Gedanken der Anthroposophie aufneh-men, und sei es in noch so ideeller Weise, wir verstehen dadurch noch nicht die geistige Welt. «Wir beginnen das erste Verständnis für die geistige Welt erst zu ent-wickeln, wenn wir am Seelisch-Geistigen des anderen Menschen erwachen. Dann beginnt erst das wirkliche Verständnis für die Anthroposophie.» (1)
Mit Gedanken allein verstehen wir noch nicht die Anthro-posophie, erst wenn wir sozusagen das konkrete Geisti-ge, das Seelisch-Geistige, das auf der Erde im Menschen seinen Wohnplatz hat, erleben können, dann verharren wir nicht nur in einer Gedankenwelt, sondern treten mit dem Erleben ein in die wirksame, die wirkliche Welt. Da haben wir sozusagen die Gelegenheit, Seelisch-Geistiges hier zu erleben.
«Traumleben, es erwacht an der natürlichen Umgebung zum wachen Tagesleben. Waches Tagesleben, es erwacht am anderen Menschen, an Seele und Geist des anderen Menschen zu einem höheren Bewusstsein. Der Mensch muss mehr werden als er dem Menschen immer war. Er muss ihm zu einem weckenden Wesen werden. Die Men-schen müssen sich näher kommen als sie sich bisher ge-standen haben… Dazu haben eben die modernen Men-schen, die ins Leben jetzt hereingetreten sind, viel zuviel Karma aufgespeichert, als dass sie nicht ihr Schicksal verbunden fühlen würden, ein jeder mit dem, der ihm im Leben als anderer Mensch entgegentritt… Jetzt tritt eben die Notwendigkeit ein, dass man nicht nur durch die Natur erweckt wird, sondern durch die Menschen, die mit einem karmisch verbunden sind und die man suchen will.» (2)
Das erfordert eine ganz neue Aufmerksamkeit, in gewis-sem Sinne auch Zurückhalten von Sympathie und Anti-pathie, es erfordert eine neue Art des Annehmens des an-deren Menschen als eines Trägers von seelisch-geistigen Kräften, von seelisch-geistiger Wesenheit.
«Die Kraft zu diesem Erwachen kann nur dadurch er-zeugt werden, dass in einer Menschengemeinschaft spi-ritueller Idealismus gepflanzt wird.» Aber der wirkliche Idealismus ist nur vorhanden, «wenn der Mensch sich be-wusst werden kann, dass er genau ebenso, wie er, indem er die Kultusform hinstellt, eine geistige Welt ins Irdische herunterhebt, er etwas, das er im Irdischen erschaut, im Irdischen erkennen und verstehen gelernt hat, in das Übersinnlich-Geistige hinaufhebt, indem er es ins Ideal erhebt.» (1)
Im Kultus bringen wir das Übersinnliche in ein kraft-durchsetztes Bild. Was wir hier in der Welt der Sinne wahrnehmen, können wir emporheben; es wird lebendig, wenn wir es in der rechten Weise durchdringen mit Ge-müt und Willensimpuls. «Wenn du dein ganzes Inneres vom Willen durchstrahlst, Begeisterung auf es wendest, dann gehst du mit deiner sinnlichen Erfahrung, indem du sie idealisierst, den entgegengesetzten Weg, wie du ihn gehst, wenn du das Übersinnliche in die Kultusgestalt hineingeheimnisst.» (1)
Das ist eine andere Wortwahl und ein etwas anderer Blickpunkt, aber doch fühlen wir das hier Gesagte an-klingen an das, was im Silvestervortrag vom 31.12.1922 dargestellt wurde – auch hier muss es willensdurchdrun-gen werden, die Gedanken müssen sich erheben zur Welt des Ideals, zur Welt der schaffenden geistigen Wesen.
Im Gefühlsmäßigen sollten wir überall dort, wo wir An-throposophisches pflegen, diese Pflege mit «durchgeistig-ter Empfindung» (1) durchdringen: ja, wir sollten schon die Türe zu dem Raum, in dem wir anthroposophisch ar-beiten, als etwas empfinden, was wir mit Ehrerbietung übertreten, denn der Raum wird geheiligt dadurch, dass Anthroposophisches in ihm gepflegt wird. Das muss zu einem inneren Erlebnis werden, so dass durch das ganze Geschehen des Miteinander-anthroposophisch-Arbeitens
«ein wirklich real-geistiges Wesen anwesend wird» in dem Raum.
«Wie in den in der sinnlichen Welt sich abspielenden Kultusformen die göttlichen Kräfte auf sinnliche Art anwesend sind, müssen wir lernen, mit unseren Seelen, mit unseren Herzen durch unsere innere Seelenverfas-sung übersinnlich anwesend sein zu lassen eine wirkli-che Geistwesenheit in dem Raume, in dem das anthro-posophische Wort ertönt, und unsere Rede, unser Emp-finden, unser Denken, unsere Willensimpulse müssen wir einrichten können im spirituellen Sinne, das heißt nicht in irgendeinem abstrakten Sinne, dass wir uns so fühlen, als schaute auf uns herunter und hörte uns an ein Wesen, das über uns schwebt, das real-geistig da ist. Geistige Gegenwart, übersinnliche Gegenwart müssen wir empfinden, die dadurch da ist, dass wir Anthropo-sophie treiben. Dann fängt die einzelne anthroposophische Wirksamkeit an, ein Realisieren des Übersinnli-chen selbst zu werden».
So wie früher durch Blutsbande ein Gruppengeist wirk-sam war, so kann heute durch gemeinsames Erleben an-throposophischer Inhalte «ein realer Gemeinschaftsgeist herangezogen werden». (1)
«Durch das gemeinsame Erleben des Übersinnlichen wird eben gerade Menschenseele an Menschenseele er-weckt, die Seele erwacht in ein höheres Verständnis hin-ein, und wenn diese Gesinnung da ist, bildet sich etwas heraus, das bewirkt, dass auf Menschen, die vereinigt sind im gegenseitigen Sich-Mitteilen und im Miteinan-der-Erleben anthroposophischer Ideen, ein gemeinsa-mes, wirkliches Wesen sich herniedersenkt…» (2)
Durch die gemeinsame anthroposophische Arbeit wer-den die Gedanken und Empfindungen der Menschen hin-auferhoben in die übersinnliche Welt. «Und wenn in der richtigen Gesinnung erlebt wird der anthroposophische Inhalt von einer Menschengruppe, wobei Menschenseele an Menschenseele erwacht, wird tatsächlich diese Men-schenseele erhoben zur Geistgemeinschaft. Nur handelt es sich darum, dass dieses Bewusstsein wirklich vorhan-den ist… dann ist in diesem … umgekehrten Kultus… etwas Gemeinschaftsbildendes im eminentesten Sinne vorhanden…
Die Arbeit einer anthroposophischen Gruppe besteht nicht bloß darin, dass eine Anzahl von Menschen über anthroposophische Ideen reden, sondern dass sie sich als Menschen so vereinigt fühlen, dass Menschenseele an Menschenseele erwacht und die Menschen hinauf-versetzt werden in die geistige Welt, so dass sie wirklich unter geistigen Wesen sind, wenn auch vielleicht ohne Schauen. Auch wenn das in der Anschauung nicht da ist, im Erleben kann es da sein. Und das ist dann das Stärkende, das Kräftigende, das aus den Gruppen her-vorgehen kann, die mit richtiger Gemeinschaftsbildung eben entstanden sind innerhalb der Anthroposophi-schen Gesellschaft». (2)
Mit Absicht habe ich die Worte des Geisteslehrers unmit-telbar als Zitate wiedergegeben. Bei solch tiefgehenden Themen kann sonst in eigener Formulierung manches verlorengehen, was die ursprünglichen Worte an Nuan-cierung und Kraft enthalten.
Nicht nur ein Bewusstsein von den Inhalten des Bearbei-teten ist erforderlich, sondern auch das Bewusstsein von den Menschen, mit denen diese Inhalte erarbeitet werden und das Bewusstsein, dass die Geistwelt daran teilnimmt, dass wir in der rechten Gesinnung real hinaufversetzt werden unter geistige Wesen. Und wenn wir dann noch in unserem Bewusstsein den esoterischen Gehalt des umgekehrten bzw. kosmischen Kultus mit hinzufügen, meditativ ihn erleben können, sind wir auf dem Wege, Anthroposophie wahr zu machen, sie ihrer Aufgabe in der Welt zuzuführen.
Die Aufgabe Mitteleuropas
Wir haben nun den inneren Gehalt des umgekehrten, des kosmischen Kultus und die Aufgabe der neuen Gemein-schaftsbildung vor uns erstehen lassen. Betrachten wir diese im irdischen Zusammenhang, so können wir noch tiefer erfassen, welche Bedeutung ein solches Geschehen für die Menschheitsentwicklung hat:
In dem Zyklus «Die geistigen Hintergründe des ersten Weltkrieges», GA 174 b, und da vor allem in einem Vor-trag vom 13. Februar 1915, wird Wichtigstes ausgespro-chen, das uns auch heute noch ebenso betrifft. Stehen wir nicht mitten im dritten Weltkrieg, einem furchtbaren Kampf um die menschliche Seele auf allen Ebenen?
Rudolf Steiner mahnt, wie wesentlich es ist innerhalb des geisteswissenschaftlichen Strebens, dass bloßes Wissen sowie das Leben nur in äußeren Vorstellungen der Ver-gangenheit angehören und wir eine Erkenntnis zu suchen haben, die durchdrungen ist von Empfindungen und Wil-lensimpulsen, die lebendig sich ins wirkliche Leben her-einstellen, sonst gehen wir einer Zeit der geistigen Aus-dörrung entgegen. Auch die großen Weltereignisse müs-sen tiefer angeschaut werden. Man muss sich bewusst sein, wenn es sich nicht um das allgemein Menschliche, sondern um Völkergeschehen handelt, wie da noch an-dere Gesetze gelten, wie geistige Ereignisse, Dämonen-kämpfe damit verbunden sind, die nicht durch irdische Verstandslogik und -beurteilung erfasst werden.
In den weiteren Vorträgen wird ausgeführt, wie Mittel-europa, unser Lebensraum, eingekeilt ist zwischen Ost und West. Wenn wir nach dem Westen schauen, so lebt da eine deutlich andere Seelenhaltung als in der Mitte – dabei den Volkstypus im Blick habend, nicht den Ein-zelmenschen. Im Westen ist «die Überzeugung von dem spirituellen Leben wie ein äußeres Element angekoppelt an die äußere Kultur. Man hat [dort] gar nicht einmal das Bedürfnis, die beiden miteinander zu durchdringen.» Geistige Erkenntnisse werden zweckhaft benutzt, um Macht und Herrschaft über die restliche Welt zu erlan-gen.
Blicken wir nach dem Osten, gewahren wir Kulturen mit Restatavismen, die an alten erstarrten religiösen Formen festhalten, über denen die Geistigkeit wie eine Wolke schwebt, in der sie leben, die aber kein persönliches Rin-gen um die Geistigkeit aufweisen.
Betrachten wir die Entwicklung Mitteleuropas aus dem germanischen Element heraus, dann können wir erleben, wie da über Jahrhunderte gerungen wurde um eine Gei-stigkeit, eine Menschen- und Gotteserkenntnis, die im Tiefsten die Seelenkräfte ergreift und sich dem ganzen Menschenwesen verbindet. – Wir können denken in der frühen Phase an Meister Eckhardt, Tauler, die Rosenkreu-zer, an Angelus Silesius, Jakob Boehme, und dann jene besondere Konstellation im achtzehnten Jahrhundert, mit den Individualitäten von Wieland, Lessing, Herder, ins-besondere Goethe, Schiller, Novalis und der Philosoph des Ich: Fichte sowie Schelling, Hegel, die Humboldts und eine ganze Reihe weiterer Geistesringer um die Be-stimmung von Mensch und Welt, um den wahren Gottesbezug, um den persönlichen Seelen- und Ich-Kern des Menschwesens.
War es in der atlantischen Zeit die vierte Epoche, welche die Keime legte für die nachatlantischen Kulturen, so ist es in den nachatlantischen Kulturen die fünfte, der die-se Aufgabe zufällt, also unsere jetzige Kulturepoche der Bewusstseinsseelenentwicklung. Auf diese fünfte wird eine sechste folgen. «Wir sollten uns aber klar sein, dass es Zeiten des Aufgangs und Zeiten des Niedergangs gibt, richtig klar sollten wir uns sein darüber, dass das sechste Zeitalter… dem Niedergang notwendig ange-hören muss und dass dasjenige, was sich in der fünf-ten nachatlantischen Zeitepoche herausentwickelt, der Keim sein muss für die der siebenten Kulturepoche erst wiederum folgende Erdenzeit. So lebendig muss man die Dinge betrachten, nicht abstrakt-theoretisch.
Und was ist das Charakteristische, das sich insbeson-dere in dieser fünften Kulturepoche herausentwickeln muss? Das ist das Charakteristische, was vorzugsweise durch das Mysterium von Golgatha angefacht worden ist: dass die spirituellen Impulse hinuntergeführt wer-den bis ins unmittelbar Physisch-Menschliche, dass ge-wissermaßen das Fleisch vom Geiste ergriffen werden muss.» Dazu ist der Christus auf der Erde erschie-nen. Und das muss geschehen bis in jede Handbewe-gung, bis ins Alltägliche hinein. Dieses Hinuntertragen, dieses Durchimpulsieren ist gleichsam die Mission der gegenwärtig kulturtragenden Völker Mitteleuropas in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum.
« In der sechsten Kulturepoche… wird die Aufgabe sein, den Geist vor allen Dingen als etwas mehr in der Umgebung Schwebenden zu erkennen als unmittelbar in sich, den Geist mehr in der elementaren Welt anzuer-kennen, weil die sechste Kulturepoche die Aufgabe hat, die Erkenntnis des Geistes in der physischen Umgebung vorzubereiten. Das kann nicht so ohne weiteres erreicht werden, wenn nicht alte atavistische Kräfte aufgespart werden» – wie das heute im Osten geschieht, «die den Geist in seinem rein elementarischen Leben anerkennen. Aber ohne die heftigsten Kämpfe gehen diese Dinge nicht ab.» Denn wie sollte eine wirkliche Verständigung mög-lich sein bei so unterschiedlichen Entwicklungen und Aufgaben? «Was ist denn die Geschichte Mitteleuropas als ein fortwährendes Ringen um ein Aufgehen des göttlichen Funkens in der persönlichen Seele, um das Aufgehen des Geistigen im Physischen?... In der fünften Kultu-repoche muss ein Geistiges aus eigener Kraft errungen werden.» In der sechsten und siebenten Epoche wird nichts Neues dazukommen, sondern die Träger der sech-sten Kulturepoche, der Epoche des Geistselbst, die mehr empfangend konstituiert sind, werden wie von außen aufnehmen, was in der fünften Kulturepoche errungen, durchgerungen wurde.
«Dasjenige, was leben wird in den Seelen der sechsten Kulturepoche, wird dasselbe sein, was von den Seelen der fünften Kulturepoche errungen wurde…
Das kann nicht anders geschehen, als wenn dasjeni-ge, was wirklich sich bekennt zur Durchdringung des Leiblichen mit dem Geistigen, Kulturimpulse hervor-bringt, die für die Erde bleibend sind, die von der Erde nicht wieder verschwinden können. Denn was dann nachkommt als sechste, als siebente Kulturepoche, da muss geistig von den Schöpfungen der fünften leben, das muss die Schöpfungen der fünften Kulturepoche in sich aufnehmen…»
Dagegen sträuben sich diese Völker des Ostens heute noch, weil sie sich erst dahin entwickeln müssen, weil sie auf ihrem heutigen Stand noch keine Beurteilungs-möglichkeit für diese Tatsachen haben, aber geschehen muss es doch, sonst kann keine Kultur des Geistselbst entstehen.
Welche Aufgabe wird deutlich für unsere Zeit und unse-re Kulturströmung! Müssen wir nicht all unsere Kräfte anstrengen, um dieser Mission gerecht werden zu kön-nen? Und braucht es nicht da ein so zentrales Geschehen, Erkenntnis- und Kultusgeschehen wie den «umgekehrten Kultus», damit wir nicht an der Peripherie des Neuen ver-harren? Auch wir werden wohl wieder leben in Leibern der folgenden Kulturepochen. Was wir jetzt veranlagen, wird das sein, was dann auf uns zukommt! Der Keim für lange Zeiten der Menschheitsentwicklung wird jetzt gelegt!
Um all das, was hier angesprochen ist, zusammenzu-schauen, wurde es in relativer Dichte dargestellt, sonst hätte der Inhalt ein ganzes Buch gefüllt. Es hat sich er-geben als Vorbereitung auf eine Tagung, die nur einein-halb Tage zur Verfügung hatte. Vielleicht aber kann doch etwas durch-leuchten von der Größe und Erhabenheit der Thematik – gleichsam wie die zum Kristall verdich-tete Substanz in ihrer eigenen Form und Farbe, in ihrem Strahlen zu uns spricht – und von der tiefen Bedeutung
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