- Michaeliten Wiki
- Libro de clases (en preparación)
- Pedagogía / Tutoría
- Calendario del alma
Text vom 09.06.2026
Redaktion vom 07.07.2026
Der Herausgeber: Tatiana Tsykra (tetyana.tsykra@gmail.com)

Als Frucht unserer langjährigen gemeinsamen geistigen Arbeit, ist nun ein großes Bedürfnis entstanden, eine Fülle von Materialen zu veröffentlichen. Üblicherweise stellt sich dabei als zentrale Frage, die Frage des Urheberrechts. Doch für esoterische Texte – wie in alten Zeiten als auch in der rosenkreuzerischen Tradition – war es immer klar, dass Menschen durch ihre Arbeit lediglich dazu beitragen können, geistige Inhalte für die ganze Menschheit zugänglich zu machen; jedoch ist es absurd, dabei einen Anspruch auf Autorschaft, auf die Rolle eines Schöpfers geistiger Inhalte zu erheben zu wollen. Da die mentalen Gewohnheiten der ahrimanischen Welt in Bezug auf das Urheberrecht auch in der anthroposophischen Gemeinschaft Wurzeln geschlagen haben, sehen wir es als notwendig, unseren zukünftigen Veröffentlichungen auf dieser Website einen einleitenden Artikel voranzustellen, worin die Frage des Urheberrechts im Kontext der Neuen Mysterien betrachtet wird.
Den kosmischen Rhythmen des Jahreskreises nach befinden wir uns zurzeit an einem wichtigen Wendepunkt — dem Punkt der Sommersonnenwende. In den antiken Mysterien aller Zeiten und Völker war es eines der vier bedeutendsten Mysterienfeste. Genau genommen stellte es in den frühesten Traditionen gar das wichtigste Fest des Jahres dar. In den späteren Mysterien, besonders nach dem Mysterium von Golgatha, verlagerte sich der Fokus allmählich in Richtung der Weihnachtszeit, doch ursprünglich nahm gerade das Sommerfest den zentralen Platz ein — der Moment der vollen Vorherrschaft des Lichts über die Finsternis.
Genau jetzt erleben wir diese wunderbare, herrliche Zeit. Wir befinden uns an dem Punkt des Jahreskreises, an dem die Sonne die Oberhand hält über der Nacht. Und diesen Moment darf man nicht versäumen, denn wenn man sich nicht erfüllt mit diesen lebensnotwendigen Sonnenkräften, wird es nachher an ihnen fehlen. In der Natur geschieht das ganz von selbst: Die Erde erfüllt sich mit der Kraft des Sommers, und auch wenn der Sommer vergeht, lebt seine Wärme im Verborgenen in ihr, durch die kalten, dunklen Zeiten des Jahres hindurch bis zum neuen Frühling. Im Grunde würde die Erde im Winter sterben müssen, wenn sie sich nicht mit diesem Licht und dieser Wärme versorgte. Alle Wesen, die in den winterlichen Schlaf fallen — die Pflanzen, die ganze Welt der Insekten, die Bären — sie leben in dieser Wärme, und so verhält sich die Erde als ein ganzheitlicher Naturorganismus.
Die Menschen des Altertums, die eine tiefe und lebendige Verbindung zur Natur und natürlich zu den Mysterien hatten, waren ganz und gar in diese Jahresrhythmen eingetaucht. Für sie war das Jahr nicht die Abstraktion, die wir heute auf den Kalendern sehen: „Ja, das 2025-Jahr ist vorbei, das 2026-Jahr hat begonnen.“ Wer einen Abreißkalender hat, reißt nun das letzte Blatt ab; Die übrigen schauen einfach auf die Ziffern und konstatieren den Jahreswechsel. Im Grunde ist das eine rein ahrimanische Abstraktion, die des lebendigen Zeitgefühls beraubt ist.
Für das antike Bewusstsein stand hinter dem Begriff des Jahres ursprünglich eine besondere Gottheit. Wesentlich steht hinter der Erscheinung des Jahres ein hohes geistiges Wesen aus der Hierarchie der Archai.
Daher ist es kein Zufall, dass in den Ländern, in denen die zukünftige sechste Kulturepoche geboren wird, wo die Abstraktionen einst wieder überwunden werden, gerade in der russischen Sprache das Wort год (god — „Jahr“) identisch klingt wie das Wort God („Gott“). Im Deutschen wird Gott fast genauso geschrieben wie das englische God, aber ausgesprochen als [ɡɔt]. In der Weisheit der russischen Sprache ist dies offenbar, auch wenn kaum jemand diesem Beachtung schenkt: Год — это Бог. Der „god“ (Jahr) ist der „Gott“.
Es ist eine Zeit gekommen, welche die Forderung bringt, dass diese Gottheit — der Gott des Jahres — nun wieder zu uns zurückkehren kann. Denn wenn die Menschheit nicht in die kosmischen Rhythmen des Jahreskreises zurückkehrt, wird sie nicht richtig in die geistige Welt eintreten können, um die Kultur der Neuen Mysterien aufzubauen. Diese Rhythmen sind von außerordentlicher Bedeutung.
Natürlich sind auch andere Rhythmen nicht unwichtig — wie der Rhythmus des Tages. Doch dieser ist vor allem für die Produktivität unserer täglichen geistigen Tätigkeit bedeutsam. Wenn wir die Tagesrhythmen brechen, werden wir außer Kraft geraten und uns in den Händen widerstrebender Mächte finden. Wenn man jedoch ganz allgemein davon spricht, dass die menschliche Zivilisation mit dem Ende des Kali-Yuga in die geistige Welt zurückkehren muss — dann führt der Weg gerade über die Rückkehr eines Gottes zu den Menschen, wie demjenigen, der das Jahr verkörpert.
Wenn wir uns hinwenden zu diesem Gott, kann er uns wichtige Hinweise geben. Denn er kommt zu uns als Initiator Neuer Mysterien, die uns in die bewusste Rückkehr zum Jahreskreis führen. Hierbei entsteht die Frage: Welches Verhältnis hat der Jahreskreis zu dem Thema, das uns eigentlich bewegt — das Thema des Urheberrechts? Tatsächlich wollen wir die Mysterien des Urheberrechts begründen. Was hat der Gott des Jahres hiermit zu schaffen? Wenn wir ein Mysterium erbauen, so müssen wir berücksichtigen, dass der grundlegende Mysteriengeist, welcher in der Vorzeit einen Naturcharakter trug, heute, nach dem Mysterium von Golgatha, in unmittelbarer Verbindung steht zu dem Christus selbst. Es kam zur Vereinigung dieser Götter: Des Christus und des wahren Jahreskreises. Natürlich existieren bis heute heute heidnische Kulte, die mit dem Jahreskreis bekannt sind. Doch uns interessiert der wahrhaftige, zeitgemäße Kreis des Jahres — im Geist der Neuen Mysterien. Und dieser ist untrennbar verbunden mit dem Wesen Christi.
Nichtsdestotrotz, bei der Begründung neuer Mysterien, geschieht, wie wir wissen, vieles gerade als eine Art Auferstehung der Alten Mysterien und nicht als einfache Entstehung von etwas völlig Neuem. Ja, es geschieht sowohl das eine wie das andere: Es kommt einerseits etwas gänzlich Neues, aber auch dasjenige, was in ein tiefes Pralaya versunken war und nun zurückkehrt als vollends durchchristete Auferstehung Alter Mysterien. Und wenn wir uns hinwenden dem Gott des Jahres, der sich gerade an uns wiederum wendet während dem wichtigsten seiner alten Feste — dem Fest der Sommersonnenwende, den wir heute Johannistag nennen — und ihn fragen, wie wir unser Mysterium begründen sollen, dann wird er uns hinweisen auf das, was in den Alten Mysterien geschah.
Es zeigt sich, dass in urfernen, uralten Zeiten die Priester auf besondere Weise ihre Mysterienweisheit kultivierten im Gang des Jahreskreises. Wir wissen, dass es damals kein Denken im modernen Sinne dieses Wortes gab. Doch keineswegs bedeutet das, dass es damals keine Weisheit gab.
Die Weisheit wurde nicht erreicht durch geschärftes logisches menschliches Denken; sie wurde auf ganz anderen Wegen erlangt — nämlich gerade in den Kulten dieses göttlichen Wesens des Jahres. Und dieses göttliche Wesen aus dem Rang der Archai — ein mächtiges Wesen, dem Geist der Epoche insgesamt ebenbürtig, jedoch zugleich die Einzigartigkeit des jeweiligen Jahres in sich tragend — verlieh den Menschen Inspirationen oder, genauer gesagt, besondere Fertigkeiten; zunächst nicht allen Menschen, sondern vor allem den Eingeweihten; und durch diese ihren Schülern; und durch die Schüler im Grunde wiederum allen Menschen, die damals noch das instinktive Hellsehen bewahrten.
Es schenkte die besondere Fähigkeit in allen Naturerscheinungen, die sich im Verlauf des Jahres zyklisch entfalteten, zu sehen die kosmischen Schriftzeichen. Der Mensch las diese buchstäblich. Er beobachtete das Verhalten der Insekten, die Formen der Blätter der Bäume und Pflanzen, die Bewegungen der Tiere, die Veränderung des Landschaftsbildes: im Winter die Schneedecke, im Frühling das Schmelzen des Schnees und die ersten Knospen, im Sommer das Grün und die Vielfalt der Farben, im Herbst das Vergehen, das rot-goldene und das Graue, und dann wieder den Schnee. All dies — bis hin zu feinsten Details, dem Verhalten eines Käferchens oder dem Betrachten einer einzelnen Blume — wurde als Buchstaben eines kosmischen Alphabets erlebt. Diese Buchstaben fügten sich zu Worten, die Worte zu Sätzen, und die Sätze zu ganzen Werken kosmischer Weisheit.
So verstanden die Menschen des Altertums, lange vor der materialistischen Epoche, wo die materielle Erscheinung für „bare Münze“, für die eigentliche Realität genommen wurde: All dies ist nicht wirklich. Doch ist es keineswegs unbedeutend. Im Gegenteil, es hatte dieselbe Bedeutung wie die Buchstaben eines Buchs.
Wenn der Mensch sich in ein literarisches Werk vertieft, das ihn fesselt, kann er vergessen, dass er ein Buch vor sich hat. Erinnern wir uns einmal selbst an solche Momente: Wir lesen nicht Buchstabe für Buchstabe und Silbe für Silbe, obwohl sich Buchstaben zu Silben, Silben zu Wörtern, Wörter zu Sätzen, Sätze zu Absätzen und Absätze zu Kapiteln zusammenfügen. Aber all das nehmen wir nicht wahr. Vor dem inneren Auge entfalten sich die eindrucksvollsten Bilder des erlebten Geschehens, und wir bemerken weder die Seiten noch Zeilen noch die Buchstaben. Wir sehen nur dasjenige, was in der Seele aufleuchtet und uns ergreift als lebendiger Inhalt.
Im Buche stellen die Buchstaben zunächst das Materielle, das Greifbare dar, doch gerade sie sind das Unwesentliche. Wesentlich ist dasjenige, was in der Seele als Bilder der Handlung eines großartigen Buches geboren wird. Und obwohl es in der materiellen Welt nicht da ist, so existiert es doch gleichsam in einer unsichtbaren Welt.
Natürlich sind sie da in der geistigen Welt, diese Bilder können nicht einfach aus Buchstaben entstehen. Das wäre unvorstellbar, dass aus Buchstaben solch atemberaubende Formen hervorgehen. All diese Bilder existieren in der geistigen Welt, und die Buchstaben dienen lediglich als Wegweiser zu ihnen.
Dank ihnen betreten wir jene Bereiche der geistigen Welt, in denen sich in gewisser Weise die künstlerischen Szenerien entfalten, die unsere Seele ergreifen. Genauso drang durch die Bilder der Natur hindurch der geistige Blick des Schülers, welcher in die kosmische Weisheit eingeweiht war, die seine innere Welt erfüllte.
Deshalb schätzte er die Natur, denn ohne sie hätte er nicht zur kosmischen Weisheit durchdringen können. Dabei verfiel er nicht in Illusion. In jedem Moment des Jahres eröffneten sich neue Aspekte dieser Weisheit, und die Seele lebte im Zusammenklang mit diesem Rhythmus.
Daher ist es kein Zufall, dass das Jahr mit dem Frühling begann. Wenn wir aufmerksam auf den Jahreslauf blicken, bemerken wir: Der Monat, welcher im modernen Bewusstsein als der Letzte verankert ist, war in Wirklichkeit der zehnte Monat im Alten Rom. Das Wort dezem bedeutet „zehn“.
Denn damals, in den letzten Nachklängen alter Mysterien, die sich in Rom erhalten hatten, begann das Neue Jahr etwa im März. Und in dem Moment des Frühlingserwachens der Natur, wurde dem Schüler diejenige kosmische Weisheit geschenkt, die in direktem Zusammenhang mit den Geheimnissen seines physischen Leibes stand. Sein Bewusstsein war makrokosmisch, und er wusste ganz genau, was sein physischer Körper tatsächlich war, jenseits der Illusion.
Was geschieht, wenn wir aus der Illusion heraustreten — durch Einweihung, durch den Tod, oder tatsächlich in jeder Nacht durch den Schlaf? Wir verfügen nicht über ein ausgeprägtes Bewusstsein, weshalb wir nicht bewusst wahrnehmen, was im Schlaf mit uns geschieht. Im Schlaf vollzieht es sich unbewusst; nach dem Tode bereits bewusst, wenn auch nicht im gewöhnlichen, an den Leib gebundenen Bewusstsein, sondern in einem mächtigen Überbewusstsein, das von den Höheren Hierarchien verliehen wird.
Da erleben wir etwas dem irdischen Bewusstsein polar entgegengesetztes. Im irdischen Bewusstsein empfinden wir uns im Inneren des physischen Leibes, wo die inneren Organe wirken: Herz, Leber, Nieren, Magen, Knochen, Muskeln usw. Unser Leib ist unendlich komplex und weise gestaltet— er ist das komplizierteste Gebilde auf der Erde. Wie sehr sich der naturwissenschaftlich‑technische Fortschritt auch entwickeln mag, bis hin zur Künstlichen Intelligenz, bleibt er dennoch weit entfernt von der im physischen Leib angelegten Weisheit.
Wir erleben, dass all dies unser inneres Gefüge ist, das uns Bewusstsein verleiht: Wenn es funktioniert, funktioniert auch unser Verstand ordnungsgemäß, und wir fühlen uns gesund. Um uns herum entfaltet sich die äußere Welt: zunächst die Natur, dann der Kosmos, den wir als die Illusion verstehen, hinter der die Welt der Höheren Hierarchien steht.
Nach dem Tode oder durch die Einweihung erleben wir, wie all dies seine Plätze tauscht. Dasjenige, was zuvor die äußere Welt war — und damit ist nicht die physische Illusion gemeint, sondern Welt der Höheren Hierarchien, die dahinter steht — wird zu unserem inneren Weltbereich. Es mag unserem Verstand unglaublich erscheinen, und doch ist es wahr: Im Inneren des Menschen entfaltet sich die grenzenlose Welt der Hierarchien.
Lasst uns hineindenken in die eigentlich wahre Größe des Menschen: Er stellt das Gefäß dar aller Höheren Hierarchien dar, bis hin zu den Seraphim. Auch Michael ist unser inneres Wesen. Und wenn der Mensch als makrokosmisches Wesen die Erste, Zweite und Dritte Hierarchie in sich tragend — wenn all dies sein innerer Weltbereich ist — steht es ihm dann an, schwer zu leiden, durch die ihm widerfahrenden Prüfungen?
Mit Mühe können wir mit unserem Bewusstsein erfassen, dass wir in Wahrheit makrokosmische Menschen sind als Hülle und Gefäß für die Höheren Hierarchien. Viel schwieriger noch ist es zu begreifen, dass wir nicht alle nebeneinander stehen in einem Hyperraum, sondern ein einziger makrokosmischer Mensch sind mit einem gemeinsamen inneren Weltbereich, ohne dabei unserer Individualität verlustig zu werden.
Daraus wird deutlich, wie absurd der Widerstreit unter den Menschen eigentlich ist. Gegeneinander zu kämpfen, zu konkurrieren, wo es nicht nötig ist, andere zu beneiden — das ist alles völlig sinnlos. Wir sind einander wesensgleich: wir sind die gemeinsame makrokosmische Hülle für alle Höheren Hierarchien. Auf dem Gipfel der Erkenntnis sind wir zu einem Ganzen vereint.
Rudolf Steiner spricht darüber bereits in der Zweiten Stunde der Ersten Klasse. Bislang ist es nicht zum Leben des heutigen Schülers der Michaelschule geworden. Es ist bestenfalls theoretisches Wissen geblieben, und vermutlich nicht einmal das. Denn wenn wir ehrlich zu uns sind, wer bewahrt das wirklich beständig im Gedächtnis?
Wenn wir nun in unser Bewusstsein bringen, dass wir als Hülle für die Höheren Hierarchien, als makrokosmische Menschen, das Gefäß für alle Götter sind, dann kommt die Frage auf: was ist dann unsere äußere Welt?
Wenn aus der Fülle der Höheren Hierarchien unsere Innenwelt besteht, woraus besteht dann unsere Außenwelt? Zur äußeren Welt wird dasjenige, was zuvor der innere Inhalt unseres physischen Leibes war, sein unendlich weises, göttliches Gefüge. Gerade dieses ergießt sich um uns herum als die Umgebung des makrokosmischen Menschen. Es ist etwas sogar noch Größeres als wir selbst, die das Universum in sich tragen.
Gerade daran arbeiten wir gemeinsam mit den Höheren Hierarchien, die in uns wohnen, während des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt. Es ist dasjenige, was wir als Same, als Keim unseres zukünftigen physischen Leibes erschaffen, der dann, unendlich verkleinert, in den mütterlichen Organismus einzieht und bis zu einem gewissen Moment mehr oder weniger autonom auf der Erde existiert. Und zu einer bestimmten Woche während der Schwangerschaft erfolgt die Verbindung des Embryos mit unserem Ätherleib, Astralleib und Ich.
So müssen wir uns die Entstehung unseres physischen Körpers vorstellen: Wie jede Pflanze in sich selbst die Samen heranzieht – nur dass in der Natur der Samen klein und die Pflanze groß ist; aus einem kleinen Samen wächst eine große Pflanze heran. In der Geistigen Welt jedoch ist alles andersherum. Dort existiert ein unendlich großes Samenkorn, noch größer als der makrokosmische Mensch selbst, der in sich alle Höheren Hierarchien enthält. Es ist ein unendlich großer Same unseres physischen Organismus, wobei es in der geistigen Welt bereits keine räumlichen Qualitäten mehr gibt. In einem gedanklichen Bild erscheint aber es als etwas Größeres als wir selbst, als etwas, das uns umhüllt, und im Verhältnis dazu sind wir das Innere, während es das Äußere ist.
Und in einem gewissen Moment, wenn dieser Same bereit ist zur Inkarnation, beginnt er sich zusammenzuziehen und verlässt uns. In diesem Augenblick unseres Lebens zwischen Tod und neuer Geburt lassen wir diesen Samen von uns los. Er verkleinert sich ins Unendliche und wird zum Keim im frühen Stadium der Schwangerschaft, der Embryonalzeit. In dieser Phase arbeiten wir an unserem ätherischen Leib. Wir weben ihn aus dem Weltenäther — nicht aus dem irdischen, sondern gerade aus dem kosmischen. Allmählich verkleinern wir uns von kosmischen zu irdischen Größen, und verbinden uns mit diesem physischen Keim.
Nun ist es besonders wichtig auf diese Höhe des Bewusstseins zu steigen, damit wir die lebendige Verbindung mit dem Gott des Jahres wiederfinden und ein Gespräch mit ihm führen können.
Weshalb ist das so wichtig? Weil wir, wenn wir den Gott des Jahres in seinem Jahreskreislauf erfassen wollen, verstehen müssen: Im Frühling, dessen Höhepunkt in der Osterzeit erreicht wird, wenn wir lernen, die Buchstaben, Worte, Sätze und Kapitel der kosmischen Weisheit zu lesen, eröffnen wir die Geheimnisse des physischen Leibes in all seinen Einzelheiten.
Wenn wir nun dasselbe lernen, jedoch bereits in den verwandelten Bildern des Sommers, erfassen wir die Geheimnisse des Ätherleibes. In dieser Zeit weben wir ihn gemeinsam mit den Höheren Hierarchien aus dem kosmischen Weltenäther. Das geschieht, nachdem der unendlich große kosmische Keim in den unendlich kleinen irdischen Keim zusammenschrumpft und zur Erde entlassen wurde. Die Geheimnisse dieses Prozesses offenbaren sich uns im Sommer und erreichen ihren Höhepunkt im Punkt der Sommersonnenwende.
So verändern sich die Buchstaben des Gottes des Jahres erneut. Die Sonne beginnt schwächer zu werden, doch es ist gerade die Zeit in der die Früchte reifen. Und der Gott des Jahres enthüllt uns in diesen kosmischen Schriftzeichen die Geheimnisse unseres Astralleibes. Ende September führt uns der Gott des Jahres zu seinem wichtigsten Diener — dem Erzengel Michael. Er muss uns durch den Herbst hindurch, durch die sich verdichtenden Kräfte der Finsternis und der Todeskräfte, in den Winter geleiten. Deshalb müssen wir jeden Herbst den Drachen der Finsternis und des Todes besiegen, der sich in der Natur ausbreitet, um in die sakralen Geheimnisse des Winters einzutreten. Diese Geheimnisse erreichen ihren Höhepunkt in den Weihnachtsmysterien, in der die Geheimnisse des menschlichen Ich enthüllt werden.
Auf diese Weise erlebten die alten Priester im Verlauf des Jahreskreises zyklisch die kosmische Weisheit. Doch nochmals sein betont, dass es für uns jetzt wichtig zu verstehen ist, dass sie diese Weisheit nicht durch die Kraft heutigen Denkens wahrnahmen. Dieses war damals schlicht nicht vorhanden. Sie erarbeiteten die Weisheit nicht durch die Mühe ihres Verstandes, sondern sie atmeten sie einfach ein — als eine Gabe des Kosmos. Und sie wussten klar: diese kosmische Weisheit ist nicht die Frucht menschlicher Arbeit, sie ist die Gabe der Höheren Götter. Wir wissen bereits — es sind jene Oberen und Unteren Götter, die im Verlauf des Jahreskreises eine Schlüsselrolle spielen durch ihr zyklisches Zusammenwirken mit dem Menschen, zu denen das Vierte Tor führt.
Wenn das irdische Wesen im Moment des sommerlichen Übergewichts des Tages über die Nacht weit über die Erde ausgebreitet ist, vollzieht es den Prozess des makrokosmischen Ausatmens. Dieses Ausatmen ist eine Spiegelung der Exkarnation, und gerade so treten wir in den Schoß der Oberen Götter ein.
Wenn nun andersherum die Erde vom Frost gebunden und in sich zusammengezogen ist, können wir sagen: So wie der Mensch sich bei Frost in seinen Mantel hüllt, sich zusammenzieht wie ein Igel, so zieht sich auch die Erde ganz in sich zusammen, breitet sich nicht nach außen aus und lebt von dem, was sie in sich angesammelt hat als den „Sommer des Winters“.
Das ist außerordentlich wichtig — der Begriff „Sommer im Winter“ begegnet uns auch im Calendario del alma von R. Steiner. Denn der Sommer wirkt intensiv im Inneren der Erde, und gerade im Winter geschieht das Keimen der Samen, das Wachstum der Wurzeln. Obwohl es so aussieht, als sei die Erde völlig durchgefroren und alles in ihr erstorben, als würde sich nichts bewegen, ist es keineswegs der Fall. Auf der Erdoberfläche herrscht der Tod, doch unter der Oberfläche, unter der Erde, zeigt sich der winterliche Sommer: es keimen die Samen und es wachsen die Wurzeln. Deshalb können Bauern ihre Kartoffeln unter der Erde lagern, ohne dass sie frieren, denn sie werden von dieser wundersamen sommerlichen Wärme durchdrungen.
Und gerade zu Weihnachten herrschen auf der Erde die Unteren Götter. So leben die vierten Tore in ihrem Zyklus im Verlauf des Jahreskreises.
Solche Dinge sind für unsere Einstimmung äußerst wichtig, um uns in die Michaelschule zurückzuführen — jene Schule, von der wir, wenn wir uns an die berühmten Worte aus dem ersten Absatz der ersten Stunde der Ersten Klasse erinnern, so schrecklich abgeirrt sind. Man kann sagen, dass gerade der Gott des Jahres, der uns im Jahreskreislauf auf dem Weg der Einweihung führt und uns die Geheimnisse des makrokosmischen Menschen enthüllt, uns diese Einstimmung gegeben hat.
Wie ungeduldige Schüler könnten wir einwenden: „All das ist natürlich sehr interessant, aber wie hilft uns das weiter?“ Der Gott des Jahres gerät aber nicht in Zorn über unsere Ungeduld. Denn wie wir wissen wird Geduld — und nur Geduld — immer belohnt werden. Wenn wir nicht das Fundament legen für eine jede Mysterientätigkeit, können wir kein Mysterium begründen — schon gar nicht ein so komplexes wie das Mysterium des Urheberrechts. Deshalb sammeln wir uns und schreiten weiter in Ruhe. Wir wollen nicht zerren am Gott des Jahres mit unserer Ungeduld.
Was erzählt uns der Gott des Jahres weiter? Wir blieben stehen bei der Tatsache, dass jene alte Weisheit nicht durch das Denken der Priester erarbeitet wurde, sondern buchstäblich eingeatmet wurde. So wie wir gewöhnlich keine besondere, bewusste Anstrengung unternehmen bei der Tätigkeit unserer Atmung, so geschah es hier ähnlich. Wenn unser Organismus gesund ist, wenn wir nicht an Asthma leiden oder am Coronavirus erkrankt sind, bemerken wir nicht den großen Segen: die Möglichkeit, frei zu atmen. Dieser Schatz wird erst spürbar, wenn wir ihn verlieren. Es sind furchtbare Qualen, wenn dem Menschen des Atems beraubt wird. Doch im gewöhnlichen Leben wird uns dieser selige Schatz — die Möglichkeit zu atmen — kaum bemerkbar.
Ebenso natürlich geschah in jenen uralten Zeiten das Einatmen der kosmischen Weisheit durch die Priester. Diese Weisheit, die Weisheit der Höheren Hierarchien, überragt bis zum heutigen Tage unermesslich jede menschliche Weisheit. Dasjenige, was die alten Weisen hervorbrachten, werden weder die cleversten Philosophen noch die klügsten Wissenschaftler jemals zu Stande bringen können.
Hier nähern wir uns unserem wesentlichsten Anliegen. Jenen alten Weisen waren sich vollkommen im Klaren, dass die von ihnen empfangene Weisheit nicht die Frucht ihrer eigenen Arbeit war, sondern eine durch Segen verliehene Gnadengabe, eine Gabe der Höheren Götter. Und wenn der Mensch gegenüber dieser Gabe keine bewusste Haltung bewahrt, ihr in seiner kultischen Praxis nicht die gebührende Verehrung entgegenbringt, so stellt sich die Frage: Was geschieht mit einer jeden Gabe, wenn man aufhört, sie zu ehren? Sie wird entweder entzogen werden oder verliert allmählich ihre Reinheit.
In einem solchen Fall treten Kräfte auf den Plan, die zu dieser Gabe den unmittelbarsten Bezug haben — die Kräfte Luzifers. In gewissem Sinne kann man sagen, dass die alte Weisheit einen vorchristlichen, luziferischen Weg darstellte. Doch das ist in dem Sinne zu verstehen, dass Luzifer auftrat als der rechtmäßige Führer zu dem Christus. Wenn der Mensch jedoch strauchelt, beginnt Luzifer sich bereits in seiner unrechtmäßigen, verführenden Gestalt zu zeigen.
Wenn wir es ganz einfach sagen wollen: Als die alte Weisheit ebenso natürlich empfangen wurde wie der Atemzug, so musste natürlich ebenso auf das Einatmen ein Ausatmen folgen, damit ein neues Einatmen kommen konnte.
Nun ist es so, wie wenn der Zeitgeist, oder der Gott des Jahres, sich heute an die Michaeliten wendet: Ihr seid berufen zur Wiederbegründung der Neuen Mysterien. Und ihr befindet euch in einer ähnlichen Situation. Ihr habt gewaltige Weisheitsschätze angesammelt, so umfangreich, dass unwillkürlich die Frage entsteht: Wohin mit alldem? Ihr atmet ein, dann noch einmal und noch einmal, doch irgendwann findet ihr euch in einer schweren, scheinbar aussichtslosen Lage wieder. Ihr könnt nicht mehr angemessen umgehen mit dem, was ihr aufgenommen und angesammelt habt. Und selbstverständlich treten sogleich die gegenwirkenden Kräfte auf — „gegenwirkend“ in Anführungszeichen, denn ihr Erscheinen ist vollkommen gesetzmäßig, da sie gerade deshalb kommen, um euch zu den Neuen Mysterien zu bewegen.
Dafür müsste man fragen: Was taten die alten Priester in den Alten Mysterien, nachdem sie das Einatmen vollzogen haben? Wie vollzogen sie das Ausatmen?
Genau hier eröffnet uns der Gott des Jahres eines seiner Geheimnisse. Es ist schwer zu glauben, schwer sich vorzustellen, wie so etwas möglich war, und doch gelangten die alten Priester, nachdem sie den vollständigen Zyklus des Jahreskreises durchlaufen hatten mit der gesammelten kosmische Weisheit aller vier Jahreszeiten — oder, aus einer anderen Perspektive, die Gesamtheit der kosmischen Geheimnisse des physischen- ätherischen- und astralen Leibes und des Ich — zum Moment des großen sommerlichen Jahresfestes, des Festes der Sommersonnenwende.
In dieser Zeit vollzieht die Erde, ihrem natürlichen Rhythmus folgend, ihr Ausatmen und befindet sich in den Armen der Oberen Götter — jener Götter, die während des gesamten Jahres, von einem Sommerfest zum Nachfolgenden, die wahren Herren und der wahre Quell der kosmischen Weisheit sind.
Und wenn die alten Priester erneut mit ihnen zusammentrafen empfanden sie ein tiefes inniges Bedürfnis, in einem besonderen Ritual die im Laufe des Jahres angesammelte kosmische Weisheit ihrem Urquell zurückzuschenken, zurückzuopfern.
Und dies war nicht eine einfach symbolische Handlung, nicht einfach Worte wie: „Wir danken euch, ihr großen Götter, für diese Begegnung und für die Weisheit, die ihr uns geschenkt habt; wir geben sie euch nun symbolisch zurück.“ Nein. Es geschah eine wirkliche Rückgabe der Weisheit durch bestimmte rituell‑symbolische Handlungen. Im Opferfeuer, unter den Weihedüften, die nach oben stiegen, wurden besondere rituelle Reden gesprochen, und es wurden heilige Handlungen vollzogen, in denen die Priester diesen sakralen Raum betraten, gekleidet in verschiedenen Ebenbildern jener kosmischen Weisheit.
Man kann sich vorstellen, dass die Priester etwa eine Papierkrone trugen, als Ausdruck bestimmter Attribute kosmischer Weisheit. Und wenn im Verlauf des Rituals diese Symbole dem Opferfeuer übergeben oder auf andere Weise von ihnen abgelegt wurden, standen die Priester schlussendlich ganz ohne diese Symbole da.
Und man darf nicht denken, dass dies irgendeine Farce war, denn sie verloren tatsächlich die gesamte angesammelte Weisheit und traten aus dem Ritual in einem Zustand völliger innerer Leere hervor, als wären sie zu absoluten Toren geworden. Heute ist das schwer zu begreifen, und könnte gar Schrecken hervorrufen: Wie konnten sie so weiterleben?
Gerade hierin liegt das Wesen des Geschehens, dass sie während der nächsten Monate — zumindest bis zum Michaelifest, bis zur Herbstzeit — tatsächlich in einem völlig dummhaften Zustand lebten, in einem Zustand tiefer innerer Unbestimmtheit und Unwissenheit, bis ein neuer Zyklus der Weisheitsaufnahme begann.
Während dieser Monate wurden sie von den sekundären Priestern, den Priester‑Dienern unterstützt, die nicht unmittelbar an diesem Ritual teilnahmen, sondern es begleiteten und ihre Weisheit währenddessen bewahrten. Vor allem waren es diejenigen, die aufgrund ihres Dienstes nicht berechtigt waren, sie zu verlieren, da ihre Tätigkeit eine Kontinuität durch das ganze Jahr erforderte.
Zu ihnen gehörten vor allem die Äskulapen — die alten Heilpriester, die selbstverständlich auch zum Mysteriendienst gehörten. Sie konnten den medizinischen Prozess nicht für einige Monate unterbrechen, solange die alte Weisheit gegangen und die neue Weisheit noch nicht gekommen war.
Und man muss sagen, auch wenn dies herausragende Menschen waren, blieben sie in der Stellung als Diener der Oberpriester, die ihre Weisheit vollends verlieren mussten. Andernfalls, wie bereits erwähnt, wäre diese Weisheit unweigerlich von luziferischen Kräften ergriffen worden.
Und wir ahnen bereits, dass gerade hier die neuen Mysterien des Urheberrechts veranlagt werden müssen, wenn wir in Fülle den wahren Sinn dessen erfassen, was in Wirklichkeit das Urheberrecht ist.
Natürlich ist hier nicht die Rede einer vollen Wiederholung alter Mysterien. Doch wir müssen gewiss für das Verständnis der neuen Mysterien, uns zuwenden Mysterien der Vorzeit und uns auf ihre Erfahrung stützen. Wenn wir nichts von dem verstehen würden, was in den Alten Mysterien geschah, würden wir nicht fähig sein, die Grundlagen neuer Mysterien zu legen.
Und wir würden nicht sehen können, wie diese alte Mysterienweisheit, trotz allem, auf die eine oder andere Weise in der allgemeinen Geisteskultur der Menschheit erhalten geblieben ist.
Wenn wir zum Beispiel Erscheinungen wie etwa den Jahrmarktskomödianten und Narren begegnen, müssen wir verstehen, dass sie keineswegs nur einfach umherziehende Künstler, Bettler oder Vertreter eines niederen und unentwickelten Standes waren, deren einziges Tun darin bestand, das Publikum auf Jahrmärkten für Almosen zu unterhalten.
Im Gegenteil: Gerade in solcher Gestalt traten nicht selten umherziehende Eingeweihte auf — eben Eingeweihte, die der Welt in solcher Erscheinung entgegentreten sollten. Durch verschiedene Darstellungsformen – dramatische Darbietungen, Puppentheater, dem Musizieren, begleitet von Gesang, oder gar durch unverhohlenes Narrentum – erfüllten sie ihre besondere Mission.
Und die Mächtigen, die Herrschenden dieser Welt, bemühten sich selbstverständlich nach und nach, solche Phänomene auszurotten, denn hinter ihnen stand eine reale geistige Macht. Und die absolute Herrschaft der Diener Ahrimans konnte nur dann eintreten, wenn diese Erscheinungen vernichtet waren.
So stehen wir auch vor Resterscheinungen Alter Mysterien, wenn wir in solchem Narrentum, in seiner Narrenkleidung, dem Parzival begegnen. Seinen großen Weg zum Gral musste Parzival gerade im Gewand des „Narren“ antreten. All dies sind die letzten Nachklänge der alten Mysterientraditionen.
Wir erinnern uns gut an die Gestalt des Hofnarren. Viele bedeutende Könige hielten solche Menschen an ihrem Hof — Menschen, die das Bewusstsein von Eingeweihten besaßen und daher fähig waren, die unbequemsten Wahrheiten auszusprechen, wo jedem anderen Höfling, selbst dem höchstrangigen, der Kopf abgeschlagen worden wäre, während der Narr sie ungestraft aussprechen konnte.
So wird auch in der Kartensymbolik der Joker — die Karte, die jeden König übertrumpfen kann — als Narr dargestellt. Es ist die höchste Karte im Spiel. Der allmächtige Joker wird zum Bildnis des Priesters, jenes alten Priesters, der zu den mächtigsten Menschen seiner Zeit gehörte, der sich jedoch im Moment der Sommersonnenwende im Zustand absoluten Schwachsinns befand und mehrere Monate darin verharren musste, bis er aufs Neue begann, die Weisheit des neuen Zyklus anzusammeln.
So eröffnen sich uns unverhofft wahrlich globale Perspektiven — von der tiefsten Vorzeit bis wohl bis in unsere Tage hinein.
Und wenn wir uns fragen, wo man heute die letzten Erscheinungen dieses eigentümlichen „kosmischen Unsinns“ finden kann, was sogleich eine hohe Mysterienqualität darstellt, wenn Menschen vollends verzichten — nicht so sehr auf die Weisheit selbst, wie auf den Anspruch auf das Urheberrecht an ihr, so wird ein eindrucksvolles Beispiel die Wikipedia sein.
So eine kolossale Arbeit wäre wohl keinem einzigen Menschen und wahrscheinlich auch keinem Autorenkollektiv von hervorragendsten Wissenschaftler und Professoren möglich gewesen. Ein solches Werk kann nur durch eine zahllose Menge von Enthusiasten vollbracht werden, denen es völlig fernliegt, sich das Urheberrecht auf das von ihnen geschaffene Wissen zuschreiben zu wollen.
Und dennoch sind sie es gerade, welche gewaltige Bestände menschlicher Weisheit bewahren und pflegen. Gewiss handelt es sich nicht mehr um kosmische Weisheit, sondern um irdische Weisheit. Doch hier kann man sehen, wie ein Wirken der Hingabe, den Bedingungen der modernen Epoche angepasst, durch ungeheure Mengen an Arbeit eine herausragende allgemein zugängliche Enzyklopädie entstehen ließ, die ein großes Gut der gesamten Menschheit geworden ist.
Natürlich kann Wikipedia im physischen oder juristischen Sinne einer bestimmten Organisation oder einem Portal gehören und einen rechtlichen Eigentümer haben. Doch ohne die große Arbeit unzähliger Menschen wäre ihre Existenz unmöglich gewesen.
Man könnte diese Menschen fragen: Wozu habt ihr so viel Zeit dafür aufgewendet? Niemand wird euch bezahlen für diese Arbeit, vermutlich wird man euch nicht einmal danken, denn vor uns steht ein Anonym, ein großes „Niemand“.
Doch diese Menschen arbeiten nicht um des Dankes willen, sondern aus einem Seelenimpuls heraus, aus jenem inneren Enthusiasmus, aus dem jede Mysterientätigkeit beginnt.
Und in diesem Sinne kann man dieses Geschehen durchaus auch eine Mysterienhandlung nennen, wie könnte man sonst erklären, dass die Arbeit unzähliger Menschen nicht in destruktiven Widerspruch zueinander tritt, trotz der unvermeidlichen menschlichen Schwächen, sondern sich zu einem großen Ganzen fügt?
Natürlich gibt auch in Wikipedia solche Konflikte von Zeit zu Zeit, aber es bleibt bei Einzelfällen, ohne die große Gesamtstruktur zu stören oder sie in ein Chaos zu führen. Im Gegenteil, alles erweist sich erstaunlich geordnet. Keine verrichtete Arbeit wird einfach verschwinden und in irgendwo in unzugänglichen Tiefen versinken. Alles Geschaffene wird sogleich in den offenen Umlauf gebracht, wo es für jeden zugänglich und zu einem gemeinsamen Gut wird.
So vollzieht sich ein kollektives Autorentum, das bereits in gewissem Maße — wenn auch noch nicht als moderne Mysterienhandlung, so doch zumindest ein Annäherungsschritt zu ihr — unter Mitwirkung des „Großen Architekten“ geschieht.
Doch ein nicht minder bewundernswertes Beispiel ist die Entstehung des Betriebssystems Linux. Auch dies ist das Werk einer ungeheuren Zahl von Menschen, wobei es sich hier nicht einfach um Fachleute verschiedenster Bereiche handelt, sondern vor allem um Programmierer. Vielleicht ist dieses Beispiel der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt, doch das macht es nicht weniger aussagekräftig erstaunlich.
Eine ungeheure Zahl von Fachleuten, die ihr Wissen für ihr eigenes Wohlergehen und Erwerb hätten einsetzen können, haben ihre Kräfte vereint und sich gegen die Monopole oligarchischer Strukturen gestellt, die bestrebt sind, der ganzen Welt eine Art von Tribut aufzuerlegen. So erscheint nämlich die Situation, wenn ein Megakonzern — wie etwa Microsoft im Falle seines Betriebssystems Windows — faktisch versuchen, die gesamte Menschheit in Abhängigkeit von ihren technologischen Lösungen zu bringen und daraus fortwährenden Nutzen zu ziehen.
Dieser bewusste Protest der Programmierer, die sich zum Wohle der Allgemeinheit zusammenschließen konnten, stellt ebenfalls eine echte Mysterienhandlung dar, denn ein solches Einheitsstreben und ein solcher Umfang des gemeinsamen Schaffens lässt sich kaum nur durch gewöhnliche menschliche Motive und Interessen erklären.
Natürlich kann man dies als einen weiteren Akt des guten Willens des Großen Architekten betrachten, der in seiner wohlwollenden Erscheinungsform, gemeinsam mit dem Erzengel Vidar bereits unendlich viel zur Rettung der Menschheit getan hat, auch wenn die unheilvolle Seite der Künstlichen Intelligenz weiterhin wie ein Damoklesschwert über der Menschheit schwebt. Und mit jedem Tag nähert sich, um es bildlich auszudrücken, das Jahr 2033, wo vieles dafür spricht, daß die Waagschale der Künstlichen Intelligenz die Waagschale des menschlichen Intellekts überwiegen wird und die Menschheit wird nicht mehr ergriffen sein von einzelnen Konzernen, von deren Abhängigkeit man sich immerhin noch irgendwie befreien könnte, sondern von einer Macht, von der man sich nicht mehr abwenden kann.
Dennoch ist für uns etwas anderes entscheidend: Gerade der Große Architekt — denn offenbar ist es nur durch ihn möglich geworden — hat die Grundlagen für die Mysterien des Urheberrechts geschaffen, oder genauer gesagt, für die Überwindung des ahrimanischen Urheberrechts.
Doch diese Handlung ist eine Vormysterienhandlung. Für sich allein wird sie nichts lösen, und vermag den kritischen Moment, des Jahres 2033, nicht hinauszuschieben. Sie schafft lediglich gewisse Vorbilder und Muster, die in den eigentlichen Mysterien — den menschlichen Mysterien — reproduziert werden sollen. Und diese Mysterien werden Mysterien Christi sein müssen.
Um dem einen Schritt näher zu kommen, eröffnet uns der Gott des Jahres weiter, dass im Laufe der Zeit— nämlich zu Beginn der vierten Kulturepoche, um das Jahr 743 v. Chr. — diese alten Möglichkeiten zu erlöschen begannen. Immer weniger konnte die kosmische Weisheit einfach „eingeatmet“ werden, denn die Kräfte des Denkens mussten erwachen und in Entwicklung gebracht werden.
Natürlich verlief dieser Prozess in kleinen Schritten. Doch eine der Aufgaben der Epoche der Verstandes‑ oder Gemütsseele bestand gerade darin, dass die Uralten Mysterien ihrem Abschluss entgegengehen sollten damit das menschliche Denken in seiner heutigen Form geboren werden kann.
Und tatsächlich war das menschliche Denken einige Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha, oder der Geburt Christi, bereits so weit auskristallisiert, dass der große Aristoteles seine Gesetze und Formen erstmals systematisch beschreiben konnte. Dem Menschen ist das Denken bewusst geworden als seine eigene Tätigkeit, auch wenn es zunächst noch als mit einer umfassenderen geistig-göttlichen Ordnung verbunden verstanden wurde.
Und einige Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha, und einige Jahrhunderte nach ihm, also gerade in jenem Zeitraum, der für uns besonders bedeutsam ist — in jener eigentümlichen Delta‑Umgebung des Mysteriums von Golgatha, die sich über 333 Jahre vor ihr und 333 Jahre nach ihr erstreckt — begannen die Priester, ihre Weisheit bereits durch die Kräfte des menschlichen Denkens zu erarbeiten.
Hiermit entstand natürlich eine neue Gefahr.
Wenn ein falsches Verhältnis zu jener Weisheit, die als Gabe der Götter geschenkt wurde, dazu führte, dass diese Weisheit von Luzifer ergriffen wurde; dann bewirkte das falsche Verhältnis zu der Weisheit, die schon zu einer Frucht menschlicher Arbeit wird, eine Veränderung ihrer Qualität.
Wenn die alte Weisheit den Charakter eines Atemprozesses trug, so trug die durch eigenes Denken erreichte Weisheit bereits den Charakter nicht des Atems, sondern des Blutkreislaufs.
Doch auch der Blutkreislauf besitzt seinen eigenen Prozess der Metamorphose, der indirekt ebenfalls mit dem Atem verbunden ist. Das arterielle Blut wird allmählich venös und muss eine Erneuerung durchlaufen, um seine ursprüngliche Qualität wiederzuerlangen und wieder arteriell zu werden.
Deshalb musste sich auch hier ein entsprechendes Mysteriengeschehen entfalten, das jedoch bereits, wie wir erahnen können, nicht mehr dem Schutz vor Luzifer diente, sondern dem Schutz vor Ahriman. Denn nun erhielt gerade Ahriman die Möglichkeit, bei Fehlen eines solchen Mysteriengeschehens jene kosmische Weisheit zu ergreifen, die von den Priestern durch menschliches Denken erreicht wurde.
Doch um Ahriman zu bewältigen, bedurfte es einer anderen Kraft — nicht derjenigen der Oberen Götter, sondern die Kraft des Christus selbst, den die Menschheit sehnsüchtig erwartete.
Vor dem Mysterium von Golgatha wurde seine Gegenwart besonders intensiv erlebt in jener Jahreszeit, in der die Erde sich in einem Zustand kosmischer Isolation befand, zur Zeit der Wintersonnenwende. Deshalb musste gerade in dieser dunkelsten und am stärksten mit dem Tod verbundenen Zeit das Winterfest vollzogen werden — das Fest der Ankunft des Göttlichen Wesens auf der Erde, des einzigen Wesens, das Ahriman zu überwinden vermochte.
So war der Mittelpunkt der Mysterienhandlungen, in ihrem geistigen und inhaltlichen Schwerpunkt, vom Sommer zum Winter bewegt worden. Doch es versteht sich, dass es keineswegs das Verschwinden der sommerlichen Feste bedeutet. Im Gegenteil, nun bekommt es eine neue Qualität, denn auch der Gott des Jahres war durch seine Durchchristung gegangen, und alle alten Jahresfeste erhalten einen völlig neuen, tieferen Sinn.
Gerade darin lag die besondere Bedeutung von Weihnachten: In besonderer Weise mussten die Priester nun die kosmische Weisheit dem Christus opfern und dadurch retten vor der Macht Ahrimans.
Natürlich geschah dies nicht mehr so wie in den uralten Zeiten, als die Priester die Weisheit gänzlich verloren und zu absoluten Toren wurden. Doch im gewissen Sinne geschah es dennoch, denn in einem bestimmten Sinn wurden sie kindgleich. Und im wesentlichen war das Bild, das später Parzival verkörperte, tatsächlich ein Nachklang gerade dieser Mysterien.
So gelangen wir zum Verständnis dessen, wie die in den alten Mysterien stattfindenden Prozesse, in bestimmter Form noch in den ersten Jahrhunderten des Christentums weiterbestanden — in jener Zeit, in der auf der Erde, noch das eigentliche Christentum lebte, jenes Christentum, das später durch die orthodoxen Formen der kirchlichen Tradition verdrängt wurde.
Sicherlich wurde genau hier der ursprüngliche Entwicklungsverlauf gestört. Das kirchliche Christentum übernahm die Elemente der Mysterien nicht mehr in ganz rechtmäßiger Weise, wodurch der Mysterienprozess gewissermaßen ins Vergangene zurückgeworfen wurde. Und obwohl weiterhin von Christus gesprochen wurde, überlagerten die zunehmend erlöschenden Formen des antiken Mysterienerbes immer mehr seine Bedeutung.
Während auf der anderen Seite die erhaltenen Reste der Alten Mysterien, wie wir wissen, von eben diesen orthodoxen Strukturen verfolgt und vernichtet wurden. Daher beschränkte sich das Bestehen christlicher Weisheitsmysterien auf das dritte und vierte Jahrhundert nach der Geburt Christi, danach wurde diese Tradition weitgehend unterbrochen. Doch gerade in diesen Mysterien vollzogen sich dem Wesen nach jene Formen des Umgangs mit Weisheit, die man heute bezeichnen könnte als Mysterien des geistigen Eigentums.
Und nun, wo dieser Prozess für uns greifbar zu werden beginnt, kommt die Möglichkeit auf, bewusst von der Formung neuer christlicher Mysterien des geistigen Eigentums zu sprechen — als einem Ansatz, der erlauben würde, ein klares und offenes Verhältnis zum geistigen Eigentum zu entwickeln, wie auch zu jener Weisheit, durch des Menschen Kraft erschaffen wird.
***
/1/ – In den Vorträgen von GA 165 “Die geistige Vereinigung der Menschheit durch den Christus-Impuls” enthüllt R. Steiner den esoterischen Sinn des Jahreslaufs.
/2/ – „Im Garten steht ein Holunderbaum, und in Kiew ist ein Onkel“ – ein ukrainisches Sprichwort, das verwendet wird, wenn zwischen zwei Äußerungen kein logischer Zusammenhang besteht: Der Gesprächspartner antwortet am Thema vorbei oder wechselt unerwartet zu einem ganz anderen Thema. Es entspricht sinngemäß den deutschen Redewendungen „Das hat doch nichts miteinander zu tun“ oder „Das ist Äpfel mit Birnen vergleichen“.
/3/ – Auf dem Weg der Einweihung durchschreitet der Mensch vier Tore: Das erste Tor ist das Tor des Todes, das zweite – das Tor der Elemente, das dritte – das Tor der Sonne und das vierte Tor ist das Tor der Begegnung mit den Höheren und Niederen Göttern.
/4/ – R. Steiner: „Мeine lieben Freunde! Mit dieser Stunde möchte ich die Freie Hochschule als eine esoterische Institution wiederum zurückgeben der Aufgabe, der sie drohte in den letzten Jahren entrissen zu werden„.
/5/ – Ein guter Teil der Künstlichen Intelligenz

***
Alle weiteren veröffentlichten Materialien werden als Arbeitsversionen präsentiert und für ihre Weiterentwicklung offen bleiben. Wir laden alle, denen diese Materialien nahe und interessant sind, zur Mitarbeit und Mitautorenschaft ein — im Geist der Prinzipien der Wikipedia: durch gemeinsames Mitwirken, Ergänzen und Verbessern.